Kapitel 9
Das Geschenk
„Wenn du eine weise Antwort verlangst, musst du vernünftig fragen.“ - Johann Wolfgang von Goethe
„Wohin gehst du?“, fragte ich, als Cullen sich plötzlich umdrehte und lässig in Richtung der Schlafzimmertür ging. Hinter jener stand die zur Seite geschobene Kommode.
„Falls du es nicht mitbekommen hast, mir wird gleich etwas zum Anziehen gebracht und ich habe auch noch ein kleines Geschenk für dich“, meinte er und marschierte weiter. Ich überlegte hin und her, ob ihm folgen, oder ob ich mir endlich etwas anziehen sollte. Doch ich entschied mich für letztes und zog aus der Kommode Unterwäsche sowie Shorts und ein Top heraus. Anschließend folgte ich den Geräuschen, die aus meiner Küche kamen. Im Türbogen blieb ich stehen und lehnte mich gegen ihn.
„Ich hoffe, dass es dich nicht stört, dass ich mir etwas zu trinken genommen habe“, sagte Cullen und lehnte sich genau an der Stelle, an der er mich gegen die Theke gepresst hatte, an.
„Du meintest vorhin, dass du Informationen bezüglich Newton, Lilly und Volturi hast. Was ist damit?“
„Über welche dieser Personen möchtest du zuerst etwas erfahren?“ Ich musste nicht lange überlegen.
„Lilly.“
„Sie scheint dir ans Herz gewachsen zu sein“, stellte Cullen fest und fuhr fort, „dass sie nicht die leibliche Tochter der Newtons ist, habe ich dir schon erzählt, aber die Hintergrundgeschichte fehlt. Jessica wollte ohnehin Kinder haben, doch sie kann aufgrund eines Unfalles keine bekommen“, ich wollte ihn gerade unterbrechen und fragen, woher er das wieder wusste, doch er hob nur seine Hand, „lass’ mich erzählen, die Fragen kannst du danach stellen. Da Mike, wie wir ebenfalls wissen, ein Kartell führt, erfüllte er den sehnlichen Wunsch seiner Frau und ließ ein Kind für sie entführen.“
„Aber warum haben sie sich dann nicht eine Eizelle besorgt und diese mit Mikes Samen befruchtet. So wäre das Kind wenigstens mit einem Elternteil verwandt.“
„Mike wollte nie Kinder und seine Heirat mit Jessica war so oder so nur eine Farce. Schließlich hat sie das Geld mitgebracht, das man damals dringend benötigte und ihrem Vater war es egal, wem er seine Tochter gab, solange er mehr Macht bekam und diese erhielt er durch den Newton Clan und deren Machenschaften.“
„Das verstehe ich jetzt nicht so recht. Weshalb sollte Joseph Stanley, Oberster Staatsanwalt in New York, das tun?“
„Macht ist das Schlüsselwort. Stanley wäre nie soweit gekommen, hätte Newton ihm nicht geholfen und da rede ich nicht von Mike, sondern von seinem Vater Clint, der vor zwei Jahren gestorben ist. Zumal die beiden Familien sich gegenseitig unterstützt haben. Viele von Newtons Geschäften laufen über den Bundesstaat New York und Joseph hilft ihnen dabei alles zu vertuschen und dass Anklagen gegen jeden einzelnen fallen gelassen werden. Und Joseph bekommt jedes Mal ein kleines Sümmchen für seine Hilfe. Dass die beiden Alten ihre Kinder gezwungen haben zu heiraten, war zum Schein und zugleich auch ein Bündnis, denn wenn eine Familie untergehen sollte, wird die andere das ebenfalls tun. Wie es sich jetzt entwickeln wird, weiß ich noch nicht genau...“
„Und weshalb wissen wir darüber noch nichts?“„Oh, das FBI und Homeland sind davon in Kenntnis gesetzt worden, doch bis jetzt konnten sie noch keine belastenden Beweise finden. Die Familien wissen was sie tun. Obwohl Mike immer waghalsiger wird und es nur noch eine Frage der Zeit ist, bis er den Bogen überspannt.“
„Bis dahin heißt es dann etwa abwarten und Kaffee trinken?“, fragte ich sarkastisch.
„Nein, sicherlich nicht. Newton würde viel zu glimpflich davon kommen, wenn die Justiz urteilt. Ich habe da etwas ganz anderes im Sinn. Aber mehr dazu später.“
Selbstgefällig wie eh und je breitete sich ein Lächeln in seinem Gesicht aus.
„Gibt es sonst noch etwas zu dem Mädchen zu wissen?“
„Nichts das von Bedeutung wäre.“
„Was hatte es vorhin bedeutet, dass ich dir vor vier Jahren in die Quere gekommen bin?“ Seufzend legte Cullen seinen Kopf in den Nacken.
„Musst du ausgerechnet jetzt diese Frage stellen. Können wir das nicht für heute belassen? Meine Sachen sollten gleich hier sein, dann erkläre ich dir das noch und dann sollten wir schlafen gehen.“ Er warf mir einen eindeutig interessierten Blick zu, den ich dahingehend deutete, dass er anscheinend vorhatte mit mir in meinem Bett zu schlafen.
„Das kannst du dir abschminken! Und ich möchte das alles erfahren. Du sagtest selbst erst noch vor kurzem, dass wir viel zu besprechen hätten. Warum nicht jetzt? Warum nicht diese Frage?“„Weil du verdammt noch mal nicht so weit bist, die Wahrheit zu erfahren! Ich habe heute auch schon zu viel gesagt. Mehr als ich vorhatte!“, schnauzte er mich an und ich sah, wie seine Adern am Kopf hervortraten. Sein Geschrei beeindruckte mich nicht im Mindesten.
„Erstens: Schrei mich nicht an. Zweitens: Ich verdiene nach all dem was heute passiert ist eine ehrliche Antwort auf meine Fragen. Wenn du mich schon in dein krankes Spiel hineinziehst und mich als Schachfigur über das Spielfeld schiebst, dann will ich auch wissen, was mich im schlimmsten Fall mein Leben kosten wird. Drittens: Du wirst verdammt noch mal nicht in meinem Bett schlafen und mir nicht näher kommen. Ich habe verstanden, dass du auch nur ein Mann bist, aber so einer mit dem ich am liebsten nichts zu tun haben möchte“, giftete ich zurück.
Mein Brustkorb hob und senkte sich schwerfällig und ich musste mich zusammennehmen, dass ich mich nicht umdrehte und ihn dort stehen ließ. Doch ich sprach weiter: „Viertens: Ich weiß selbst, wie viel ich ertragen kann und wie viel nicht, also verschone mich mit deinen Ausreden, denn ich bin deren schon gelangweilt. Fünftens: Komme nie wieder und das meine ich so, in mein Haus, ohne dass ich dich eingeladen habe!“ Als ich meine kleine Rede beendet hatte, blickte mich Cullen kurz beeindruckt und im nächsten Augenblick ungerührt und gleichgültig an.
„Bist du fertig?“, erkundigte er sich im strengen Ton und sagte jedes Wort mit so viel Autorität, dass ich nur nicken konnte. „Dann hör mir jetzt mal ganz gut zu. Da draußen haben es eine Menge Leute seit dem Volturi Vorfall auf dich abgesehen. Allen voran Alec selbst. Also sei dir gewiss, dass ich nicht die letzte Person bin, die du hier drinnen haben möchtest. Es wird die Zeit kommen – das verspreche ich dir – da wirst du froh sein, dass ich in deiner Nähe bin. Du kreidest mir an, dass ich auf einem hohen Ross sitze, doch dass du selbst auf einem höheren sitzt, fällt dir nicht auf. Du bist in den letzten Jahren nie in wirklich brenzlige Situationen geraten. Alles was du gemacht hast, war dir die Tatorte und die Materialien angesehen, ein Profil erstellt und dann alle anderen vom Team den Rest erledigen lassen, um später den ganzen Ruhm einzuheimsen. Überleg dir jetzt einmal warum dich viele deiner Kollegen in Seattle gemieden haben? Du hast dir auch immer die waghalsigsten Fälle ausgesucht, aufgrund von kaum vorhandenen Tatsachen Profile erstellt, die zum Glück auf alle anderen zutrafen. Wenn du nicht bald lernst anderen zu vertrauen, mit ihnen wirklich zusammenzuarbeiten, dich zu öffnen und nicht die eingebildete, ich weiß doch alles bessere Profilerin bist, dann wirst du dein wahres Wunder erleben. Niemand wird sich darum kümmern, dass du nicht angeschossen wirst. Dir wäre es doch teilweise am liebsten, wenn du alles allein machen könntest, schließlich findest du nur Fehler bei all den anderen. Und gib zu, dass du von O’Briens Art zu Fragen heute nicht auch etwas genervt warst. Sag es mir, wenn dem nicht so war. Belehre mich vom Gegenteil. Aber ich denke, wir beide wissen nur zu gut, dass es stimmt.“
Sprachlos sah ich ihn an. Denn so hatte ich noch nie darüber nachgedacht. Anstatt wütend auf ihn zu sein, überkam mich das Gefühl der Schuld. Ich musste an meine Zeit im Field Office von Seattle nachdenken und ich erkannte mich selbst nicht mehr. War ich wirklich die Art von Mensch geworden, der ich nie sein wollte? Hatte Cullen tatsächlich mit allem recht? Meine Hände legte ich auf mein Gesicht und wollte ihn nicht mehr ansehen. Denn in meinem Inneren wusste ich, dass er mit allem was er gesagt hatte auf den Punkt traf. Ich hörte, wie er auf mich zukam, aber dass er mich in den Arm nahm und mit mir leicht hin und her schaukelte, mir sanft und beruhigend über den Rücken strich, traf mich unerwartet. Nach all dem, was ich ihm an den Kopf geworfen hatte, nach all dem, was heute zwischen uns passiert war, nach all dem, war er trotzdem jetzt noch nett zu mir. Ich hatte eher erwartet, dass er mich auslachen würde, dass er mich den Löwen zum Fraß vorwarf, aber dass er das tat, hätte ich nicht erwartet.
„Es tut mir leid, dass ich dir das gerade so direkt gesagt habe, aber anders hättest du es wohl nie verstanden“, flüsterte er und festigte noch seinen Griff, als ich mich von ihm lösen wollte, „ich will nur, dass du zu der Frau wirst, der ich vor vier Jahren nichts tun konnte. Selbst wenn du mir damals etwas genommen hast, so konnte ich dich nicht töten, obwohl es genug Möglichkeiten gegeben hat.“„Das ist aber eine tolle Art einer Frau zu sagen, dass sie ein Miststück ist“, meinte ich ironisch und rümpfte meine Nase. Cullen lachte leise und mein Kopf, der auf seiner Brust lag, wurde durchgeschüttelt.
„Aber wir werden das schon gemeinsam schaffen“, sagte er und hob meinen Kopf hoch, um mir einen Kuss auf die Stirn zu drücken.
„Was sollte das?“, erkundigte ich mich verwirrt und zog meine Augenbrauen zusammen.
„Nichts. Und zieh nicht so ein grimmiges Gesicht, das hinterlässt sonst nur böse Falten.“ Gespielt brüskiert schlug ich ihm auf seinen Oberarm und wir lösten uns beide lachend aus der Umarmung. Kaum waren wir ein paar Zentimeter auseinander, klopfte jemand lautstark gegen meine Haustür.
„Das wird vermutlich Emmett sein“, meinte Cullen sachlich und schritt an mir vorbei zum Eingang. Während er zur Tür ging, betrachtete ich seinen athletischen Rücken nochmals. Dieses Tattoo war wirklich sehr faszinierend... Cullen öffnete die Tür und ein Hüne mit kurzem schwarzen Haar und ziemlich vielen Muskeln – irgendwie erinnerte er mich an Hulk, nur dass er nicht grün war, wie der Actionheld – trat in meinen Flur. In einer Hand hielt er einen Kleidersack und in der anderen ein kleines Paket. Beides überreichte er Edward.
„Alles andere ist erledigt“, sagte Hulk und bemerkte mich erst dann. „Agent Swan, eine Freude Sie nun endlich einmal persönlich zu treffen. Bis jetzt durfte ich nur Erzählungen über Sie lauschen und Bilder von Ihnen betrachten.“ Cullen verdrehte genervt die Augen und legte das Päckchen auf die Kommode neben der Tür.
„Da wir das nun geklärt haben, kannst du wieder gehen, Emmett. Falls ich noch etwas brauche, melde ich mich bei dir.“
„Okay. Hey, und macht nichts, das ich nicht auch tun würde.“ Während er das sagte, wackelte Hulk anzüglich mit seinen Augenbrauen und ein leises Knurren ertönte von Cullen. Hatte er jetzt ernsthaft geknurrt?
„Emmett“, warnte er ihn und winkend ging dieser aus meinem Haus.
„Also ich fand Hulk ganz witzig“, kicherte ich und Cullen zog eine Augenbraue in die Höhe.
„Glaub mir, du wirst ihn nicht mehr mögen, wenn er dir etwas mehr beim Nahkampf beibringen wird.“ Er kam auf mich zu und warf den Kleidersack achtlos über einen Stuhl. „Dir wird jeder einzelne Muskel schmerzen und du wirst dir wünschen, niemals mit ihm trainiert zu haben. Aber ich werde da sein, um mich um dich zu kümmern und zwar in jeglichen Belangen“, flüsterte er nun in mein Ohr und ein wohliger Schauer erfüllte meinen Körper. „Aber genug für heute. Ich werde es mir auf deiner Couch bequem machen, nachdem ich dein Bad benutzen durfte. Oh, und kann ich meine Hose waschen, die haben etwas von unserem kleinen Intermezzo abbekommen.“
„Ähm... sicher. Das Bad des Gästezimmers ist leider noch nicht fertig. Die Handwerker kommen erst nächste Woche, deshalb kann ich dir meines anbieten... Und wegen der Hosen leg sie mir dann einfach nur vor die Badezimmertür, ich werde sie in die Waschmaschine geben. Und bevor ich es vergesse, du kannst gerne das Bett im Gästezimmer haben.“
„Ich möchte dir nicht zu viele Umstände bereiten. Und es ist nur eine Hose. Meine Jeans. Mehr trage ich nicht darunter“, gab er nonchalant zurück und zwinkerte mir zu, bevor er eilig die Treppe in den ersten Stock hochging. Kopfschüttelnd nahm ich den Kleidersack und das Päckchen, das ich aus reiner Neugierde ein paar Mal hin und her schüttelte um zu hören, was vielleicht darin sein konnte, und ging schließlich hinauf in das Gästezimmer. Dort legte ich das Paket auf den Nachttisch und hängte den Anzug, den ich in der Hülle vermutete, hinter der Tür auf.
Seufzend holte ich frische Bettwäsche aus der kleinen Kommode im Zimmer und überzog das Bett. Nachdem ich fertig war, nahm ich die Jeans und schmiss diese in die Waschmaschine, damit sein Malheur ausgewaschen wurde. Irgendwie machte es mich verdammt stolz, dass ich Cullen dazu brachte, dass er in seiner Hose gekommen war...
Als ich wieder zurück in meinem Schlafzimmer war, hörte ich immer noch das Wasser in der Dusche laufen und musste unwillkürlich meine Augen verdrehen. Seit wann duschten Männer solange, fragte ich mich, bis mir ein Licht aufging. Das würde er doch nicht wagen, oder? Ich setzte mich auf den Hocker meiner kleinen Schminkkommode und nahm meine Haarbürste in die Hand. Gerade als ich ansetzen wollte mein Haar zu kämmen, wurde das Wasser abgedreht und ein paar Sekunden später, stand Cullen von Kopf bis Fuß mit Wassertropfen bedeckt und einem Badetuch um die Hüften geschlungen in meinem Zimmer.
„Ich hoffe, dass es nicht zu deiner Gewohnheit wird, mit so wenig an in meinem Hause herumzustolzieren.“
„Vielleicht. Aber du hast nicht zufällig eine Jogginghose für mich, oder?“ Seufzend erhob ich mich, ging zu meinem Kleiderschrank. Im hintersten Winkel zog ich eine mir zu große Hose raus.
„Ich denke, dass es dich nicht stören wird, dass sie Chris gehört hat.“ Ich streckte ihm das Teil entgegen, die in weiß FBI aufgedruckt hatte. Grinsend nahm er sie entgegen und wollte gerade sein Badetuch lösen.
„Stopp. Geh dich bitte woanders umziehen. Manche Dinge möchte ich nicht unbedingt sehen.“ Lauthals lachend ging Edward zurück in das Gästezimmer und ich sah mich nach einem Shirt für ihn um. Als ich eines gefunden hatte, schlenderte ich zu ihm und klopfte an die geschlossene Tür. Ein lautes „Herein“ war zu vernehmen und ich öffnete sie. Cullen lag lässig auf dem Bett, die Hose angezogen und das Päckchen zwischen seinen Händen.
„Oh, danke“, sagte er überrascht, als ich das Shirt auf die Kommode legte. Er setzte sich auf und hielt mir das Päckchen entgegen.
„Das ist für dich.“ Ich nahm es und entpackte es vorsichtig. Zum Vorschein kam ein neues Handy. Verwirrt nahm ich es heraus und drehte und wendete es in alle Richtungen.
„Was soll ich damit? Ich habe eines.“
„Es ist dafür da, dass du mich erreichen kannst. Es wurde von meinen Leuten ein wenig verbessert. Wenn du möchtest, kannst du es gerne von dem IT-Team des FBI überprüfen lassen, es der NSA schicken oder was weiß ich damit machen. Natürlich kannst du auch all deine Daten darauf speichern und dein jetziges dadurch ersetzen. Es ist ganz dir überlassen.“ Schulterzuckend saß er da und blickte mich nur mehr an.
„Okay. Ich werde dann mal schlafen gehen. Falls du etwas brauchst, ich bin nebenan.“
Ein Lächeln trat in sein Gesicht.
„Danke und es tut mir wirklich leid wegen vorhin. Ich hätte dich nicht so anschreien dürfen.“ Ich winkte nur ab und ging in mein Zimmer. Rastlos lag ich in meinem Bett und wälzte mich von einer Seite auf die andere. Mein Wecker zeigte an, dass es schon zwei Uhr morgens war. Seufzend drehte mich zur Seite und schloss meine Augen.
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