Kapitel 9

, by Vivi

Das Geschenk




Wenn du eine weise Antwort verlangst, musst du vernünftig fragen.“ - Johann Wolfgang von Goethe


„Wohin gehst du?“, fragte ich, als Cullen sich plötzlich umdrehte und lässig in Richtung der Schlafzimmertür ging. Hinter jener stand die zur Seite geschobene Kommode.  

„Falls du es nicht mitbekommen hast, mir wird gleich etwas zum Anziehen gebracht und ich habe auch noch ein kleines Geschenk für dich“, meinte er und marschierte weiter. Ich überlegte hin und her, ob ihm folgen, oder ob ich mir endlich etwas anziehen sollte. Doch ich entschied mich für letztes und zog aus der Kommode Unterwäsche sowie Shorts und ein Top heraus. Anschließend folgte ich den Geräuschen, die aus meiner Küche kamen. Im Türbogen blieb ich stehen und lehnte mich gegen ihn. 

„Ich hoffe, dass es dich nicht stört, dass ich mir etwas zu trinken genommen habe“, sagte Cullen und lehnte sich genau an der Stelle, an der er mich gegen die Theke gepresst hatte, an. 

„Du meintest vorhin, dass du Informationen bezüglich Newton, Lilly und Volturi hast. Was ist damit?“

„Über welche dieser Personen möchtest du zuerst etwas erfahren?“ Ich musste nicht lange überlegen.

„Lilly.“

„Sie scheint dir ans Herz gewachsen zu sein“, stellte Cullen fest und fuhr fort, „dass sie nicht die leibliche Tochter der Newtons ist, habe ich dir schon erzählt, aber die Hintergrundgeschichte fehlt. Jessica wollte ohnehin Kinder haben, doch sie kann aufgrund eines Unfalles keine bekommen“, ich wollte ihn gerade unterbrechen und fragen, woher er das wieder wusste, doch er hob nur seine Hand, „lass’ mich erzählen, die Fragen kannst du danach stellen. Da Mike, wie wir ebenfalls wissen, ein Kartell führt, erfüllte er den sehnlichen Wunsch seiner Frau und ließ ein Kind für sie entführen.“

„Aber warum haben sie sich dann nicht eine Eizelle besorgt und diese mit Mikes Samen befruchtet. So wäre das Kind wenigstens mit einem Elternteil verwandt.“

„Mike wollte nie Kinder und seine Heirat mit Jessica war so oder so nur eine Farce. Schließlich hat sie das Geld mitgebracht, das man damals dringend benötigte und ihrem Vater war es egal, wem er seine Tochter gab, solange er mehr Macht bekam und diese erhielt er durch den Newton Clan und deren Machenschaften.“

„Das verstehe ich jetzt nicht so recht. Weshalb sollte Joseph Stanley, Oberster Staatsanwalt in New York, das tun?“

„Macht ist das Schlüsselwort. Stanley wäre nie soweit gekommen, hätte Newton ihm nicht geholfen und da rede ich nicht von Mike, sondern von seinem Vater Clint, der vor zwei Jahren gestorben ist. Zumal die beiden Familien sich gegenseitig unterstützt haben. Viele von Newtons Geschäften laufen über den Bundesstaat New York und Joseph hilft ihnen dabei alles zu vertuschen und dass Anklagen gegen jeden einzelnen fallen gelassen werden. Und Joseph bekommt jedes Mal ein kleines Sümmchen für seine Hilfe. Dass die beiden Alten ihre Kinder gezwungen haben zu heiraten, war zum Schein und zugleich auch ein Bündnis, denn wenn eine Familie untergehen sollte, wird die andere das ebenfalls tun. Wie es sich jetzt entwickeln wird, weiß ich noch nicht genau...“

„Und weshalb wissen wir darüber noch nichts?“„Oh, das FBI und Homeland sind davon in Kenntnis gesetzt worden, doch bis jetzt konnten sie noch keine belastenden Beweise finden. Die Familien wissen was sie tun. Obwohl Mike immer waghalsiger wird und es nur noch eine Frage der Zeit ist, bis er den Bogen überspannt.“

„Bis dahin heißt es dann etwa abwarten und Kaffee trinken?“, fragte ich sarkastisch.

„Nein, sicherlich nicht. Newton würde viel zu glimpflich davon kommen, wenn die Justiz urteilt. Ich habe da etwas ganz anderes im Sinn. Aber mehr dazu später.“ 

Selbstgefällig wie eh und je breitete sich ein Lächeln in seinem Gesicht aus. 

„Gibt es sonst noch etwas zu dem Mädchen zu wissen?“

„Nichts das von Bedeutung wäre.“ 

„Was hatte es vorhin bedeutet, dass ich dir vor vier Jahren in die Quere gekommen bin?“ Seufzend legte Cullen seinen Kopf in den Nacken.

„Musst du ausgerechnet jetzt diese Frage stellen. Können wir das nicht für heute belassen? Meine Sachen sollten gleich hier sein, dann erkläre ich dir das noch und dann sollten wir schlafen gehen.“ Er warf mir einen eindeutig interessierten Blick zu, den ich dahingehend deutete, dass er anscheinend vorhatte mit mir in meinem Bett zu schlafen.

„Das kannst du dir abschminken! Und ich möchte das alles erfahren. Du sagtest selbst erst noch vor kurzem, dass wir viel zu besprechen hätten. Warum nicht jetzt? Warum nicht diese Frage?“„Weil du verdammt noch mal nicht so weit bist, die Wahrheit zu erfahren! Ich habe heute auch schon zu viel gesagt. Mehr als ich vorhatte!“, schnauzte er mich an und ich sah, wie seine Adern am Kopf hervortraten. Sein Geschrei beeindruckte mich nicht im Mindesten.

„Erstens: Schrei mich nicht an. Zweitens: Ich verdiene nach all dem was heute passiert ist eine ehrliche Antwort auf meine Fragen. Wenn du mich schon in dein krankes Spiel hineinziehst und mich als Schachfigur über das Spielfeld schiebst, dann will ich auch wissen, was mich im schlimmsten Fall mein Leben kosten wird. Drittens: Du wirst verdammt noch mal nicht in meinem Bett schlafen und mir nicht näher kommen. Ich habe verstanden, dass du auch nur ein Mann bist, aber so einer mit dem ich am liebsten nichts zu tun haben möchte“, giftete ich zurück. 

Mein Brustkorb hob und senkte sich schwerfällig und ich musste mich zusammennehmen, dass ich mich nicht umdrehte und ihn dort stehen ließ. Doch ich sprach weiter: „Viertens: Ich weiß selbst, wie viel ich ertragen kann und wie viel nicht, also verschone mich mit deinen Ausreden, denn ich bin deren schon gelangweilt. Fünftens: Komme nie wieder und das meine ich so, in mein Haus, ohne dass ich dich eingeladen habe!“ Als ich meine kleine Rede beendet hatte, blickte mich Cullen kurz beeindruckt und im nächsten Augenblick ungerührt und gleichgültig an.

„Bist du fertig?“, erkundigte er sich im strengen Ton und sagte jedes Wort mit so viel Autorität, dass ich nur nicken konnte. „Dann hör mir jetzt mal ganz gut zu. Da draußen haben es eine Menge Leute seit dem Volturi Vorfall auf dich abgesehen. Allen voran Alec selbst. Also sei dir gewiss, dass ich nicht die letzte Person bin, die du hier drinnen haben möchtest. Es wird die Zeit kommen – das verspreche ich dir – da wirst du froh sein, dass ich in deiner Nähe bin. Du kreidest mir an, dass ich auf einem hohen Ross sitze, doch dass du selbst auf einem höheren sitzt, fällt dir nicht auf. Du bist in den letzten Jahren nie in wirklich brenzlige Situationen geraten. Alles was du gemacht hast, war dir die Tatorte und die Materialien angesehen, ein Profil erstellt und dann alle anderen vom Team den Rest erledigen lassen, um später den ganzen Ruhm einzuheimsen. Überleg dir jetzt einmal warum dich viele deiner Kollegen in Seattle gemieden haben? Du hast dir auch immer die waghalsigsten Fälle ausgesucht, aufgrund von kaum vorhandenen Tatsachen Profile erstellt, die zum Glück auf alle anderen zutrafen. Wenn du nicht bald lernst anderen zu vertrauen, mit ihnen wirklich zusammenzuarbeiten, dich zu öffnen und nicht die eingebildete, ich weiß doch alles bessere Profilerin bist, dann wirst du dein wahres Wunder erleben. Niemand wird sich darum kümmern, dass du nicht angeschossen wirst. Dir wäre es doch teilweise am liebsten, wenn du alles allein machen könntest, schließlich findest du nur Fehler bei all den anderen. Und gib zu, dass du von O’Briens Art zu Fragen heute nicht auch etwas genervt warst. Sag es mir, wenn dem nicht so war. Belehre mich vom Gegenteil. Aber ich denke, wir beide wissen nur zu gut, dass es stimmt.“ 

Sprachlos sah ich ihn an. Denn so hatte ich noch nie darüber nachgedacht. Anstatt wütend auf ihn zu sein, überkam mich das Gefühl der Schuld. Ich musste an meine Zeit im Field Office von Seattle nachdenken und ich erkannte mich selbst nicht mehr. War ich wirklich die Art von Mensch geworden, der ich nie sein wollte? Hatte Cullen tatsächlich mit allem recht? Meine Hände legte ich auf mein Gesicht und wollte ihn nicht mehr ansehen. Denn in meinem Inneren wusste ich, dass er mit allem was er gesagt hatte auf den Punkt traf. Ich hörte, wie er auf mich zukam, aber dass er mich in den Arm nahm und mit mir leicht hin und her schaukelte, mir sanft und beruhigend über den Rücken strich, traf mich unerwartet. Nach all dem, was ich ihm an den Kopf geworfen hatte, nach all dem, was heute zwischen uns passiert war, nach all dem, war er trotzdem jetzt noch nett zu mir. Ich hatte eher erwartet, dass er mich auslachen würde, dass er mich den Löwen zum Fraß vorwarf, aber dass er das tat, hätte ich nicht erwartet. 

„Es tut mir leid, dass ich dir das gerade so direkt gesagt habe, aber anders hättest du es wohl nie verstanden“, flüsterte er und festigte noch seinen Griff, als ich mich von ihm lösen wollte, „ich will nur, dass du zu der Frau wirst, der ich vor vier Jahren nichts tun konnte. Selbst wenn du mir damals etwas genommen hast, so konnte ich dich nicht töten, obwohl es genug Möglichkeiten gegeben hat.“„Das ist aber eine tolle Art einer Frau zu sagen, dass sie ein Miststück ist“, meinte ich ironisch und rümpfte meine Nase. Cullen lachte leise und mein Kopf, der auf seiner Brust lag, wurde durchgeschüttelt. 

„Aber wir werden das schon gemeinsam schaffen“, sagte er und hob meinen Kopf hoch, um mir einen Kuss auf die Stirn zu drücken.

„Was sollte das?“, erkundigte ich mich verwirrt und zog meine Augenbrauen zusammen.

„Nichts. Und zieh nicht so ein grimmiges Gesicht, das hinterlässt sonst nur böse Falten.“ Gespielt brüskiert schlug ich ihm auf seinen Oberarm und wir lösten uns beide lachend aus der Umarmung. Kaum waren wir ein paar Zentimeter auseinander, klopfte jemand lautstark gegen meine Haustür.

„Das wird vermutlich Emmett sein“, meinte Cullen sachlich und schritt an mir vorbei zum Eingang. Während er zur Tür ging, betrachtete ich seinen athletischen Rücken nochmals. Dieses Tattoo war wirklich sehr faszinierend... Cullen öffnete die Tür und ein Hüne mit kurzem schwarzen Haar und ziemlich vielen Muskeln – irgendwie erinnerte er mich an Hulk, nur dass er nicht grün war, wie der Actionheld – trat in meinen Flur. In einer Hand hielt er einen Kleidersack und in der anderen ein kleines Paket. Beides überreichte er Edward. 

„Alles andere ist erledigt“, sagte Hulk und bemerkte mich erst dann. „Agent Swan, eine Freude Sie nun endlich einmal persönlich zu treffen. Bis jetzt durfte ich nur Erzählungen über Sie lauschen und Bilder von Ihnen betrachten.“ Cullen verdrehte genervt die Augen und legte das Päckchen auf die Kommode neben der Tür. 

„Da wir das nun geklärt haben, kannst du wieder gehen, Emmett. Falls ich noch etwas brauche, melde ich mich bei dir.“

„Okay. Hey, und macht nichts, das ich nicht auch tun würde.“ Während er das sagte, wackelte Hulk anzüglich mit seinen Augenbrauen und ein leises Knurren ertönte von Cullen. Hatte er jetzt ernsthaft geknurrt? 

„Emmett“, warnte er ihn und winkend ging dieser aus meinem Haus.

„Also ich fand Hulk ganz witzig“, kicherte ich und Cullen zog eine Augenbraue in die Höhe.

„Glaub mir, du wirst ihn nicht mehr mögen, wenn er dir etwas mehr beim Nahkampf beibringen wird.“ Er kam auf mich zu und warf den Kleidersack achtlos über einen Stuhl. „Dir wird jeder einzelne Muskel schmerzen und du wirst dir wünschen, niemals mit ihm trainiert zu haben. Aber ich werde da sein, um mich um dich zu kümmern und zwar in jeglichen Belangen“, flüsterte er nun in mein Ohr und ein wohliger Schauer erfüllte meinen Körper. „Aber genug für heute. Ich werde es mir auf deiner Couch bequem machen, nachdem ich dein Bad benutzen durfte. Oh, und kann ich meine Hose waschen, die haben etwas von unserem kleinen Intermezzo abbekommen.“ 

„Ähm... sicher. Das Bad des Gästezimmers ist leider noch nicht fertig. Die Handwerker kommen erst nächste Woche, deshalb kann ich dir meines anbieten... Und wegen der Hosen leg sie mir dann einfach nur vor die Badezimmertür, ich werde sie in die Waschmaschine geben. Und bevor ich es vergesse, du kannst gerne das Bett im Gästezimmer haben.“ 

„Ich möchte dir nicht zu viele Umstände bereiten. Und es ist nur eine Hose. Meine Jeans. Mehr trage ich nicht darunter“, gab er nonchalant zurück und zwinkerte mir zu, bevor er eilig die Treppe in den ersten Stock hochging. Kopfschüttelnd nahm ich den Kleidersack und das Päckchen, das ich aus reiner Neugierde ein paar Mal hin und her schüttelte um zu hören, was vielleicht darin sein konnte, und ging schließlich hinauf in das Gästezimmer. Dort legte ich das Paket auf den Nachttisch und hängte den Anzug, den ich in der Hülle vermutete, hinter der Tür auf. 

Seufzend holte ich frische Bettwäsche aus der kleinen Kommode im Zimmer und überzog das Bett. Nachdem ich fertig war, nahm ich die Jeans und schmiss diese in die Waschmaschine, damit sein Malheur ausgewaschen wurde. Irgendwie machte es mich verdammt stolz, dass ich Cullen dazu brachte, dass er in seiner Hose gekommen war... 

Als ich wieder zurück in meinem Schlafzimmer war, hörte ich immer noch das Wasser in der Dusche laufen und musste unwillkürlich meine Augen verdrehen. Seit wann duschten Männer solange, fragte ich mich, bis mir ein Licht aufging. Das würde er doch nicht wagen, oder? Ich setzte mich auf den Hocker meiner kleinen Schminkkommode und nahm meine Haarbürste in die Hand. Gerade als ich ansetzen wollte mein Haar zu kämmen, wurde das Wasser abgedreht und ein paar Sekunden später, stand Cullen von Kopf bis Fuß mit Wassertropfen bedeckt und einem Badetuch um die Hüften geschlungen in meinem Zimmer. 

„Ich hoffe, dass es nicht zu deiner Gewohnheit wird, mit so wenig an in meinem Hause herumzustolzieren.“ 

„Vielleicht. Aber du hast nicht zufällig eine Jogginghose für mich, oder?“ Seufzend erhob ich mich, ging zu meinem Kleiderschrank. Im hintersten Winkel zog ich eine mir zu große Hose raus. 

„Ich denke, dass es dich nicht stören wird, dass sie Chris gehört hat.“ Ich streckte ihm das Teil entgegen, die in weiß FBI aufgedruckt hatte. Grinsend nahm er sie entgegen und wollte gerade sein Badetuch lösen.

„Stopp. Geh dich bitte woanders umziehen. Manche Dinge möchte ich nicht unbedingt sehen.“ Lauthals lachend ging Edward zurück in das Gästezimmer und ich sah mich nach einem Shirt für ihn um. Als ich eines gefunden hatte, schlenderte ich zu ihm und klopfte an die geschlossene Tür. Ein lautes „Herein“ war zu vernehmen und ich öffnete sie. Cullen lag lässig auf dem Bett, die Hose angezogen und das Päckchen zwischen seinen Händen. 

„Oh, danke“, sagte er überrascht, als ich das Shirt auf die Kommode legte. Er setzte sich auf und hielt mir das Päckchen entgegen. 

„Das ist für dich.“ Ich nahm es und entpackte es vorsichtig. Zum Vorschein kam ein neues Handy. Verwirrt nahm ich es heraus und drehte und wendete es in alle Richtungen. 

„Was soll ich damit? Ich habe eines.“

„Es ist dafür da, dass du mich erreichen kannst. Es wurde von meinen Leuten ein wenig verbessert. Wenn du möchtest, kannst du es gerne von dem IT-Team des FBI überprüfen lassen, es der NSA schicken oder was weiß ich damit machen. Natürlich kannst du auch all deine Daten darauf speichern und dein jetziges dadurch ersetzen. Es ist ganz dir überlassen.“ Schulterzuckend saß er da und blickte mich nur mehr an.

„Okay. Ich werde dann mal schlafen gehen. Falls du etwas brauchst, ich bin nebenan.“ 

Ein Lächeln trat in sein Gesicht.

„Danke und es tut mir wirklich leid wegen vorhin. Ich hätte dich nicht so anschreien dürfen.“ Ich winkte nur ab und ging in mein Zimmer. Rastlos lag ich in meinem Bett und wälzte mich von einer Seite auf die andere. Mein Wecker zeigte an, dass es schon zwei Uhr morgens war. Seufzend drehte mich zur Seite und schloss meine Augen. 
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Kapitel 8

, by Vivi


Die Tattoos


Sieh zu, dass du ein ehrlicher Mensch wirst, denn damit sorgst du dafür, dass es einen Schurken weniger auf der Welt gibt.“ – Thomas Carlyle



„Na gut, meine erste Frage: Wie zum Teufel, bist du hier her gekommen?“ 

Ein amüsierter Ausdruck legte sich auf sein Gesicht.

„Ich kann verstehen, dass es dir nicht gefällt, dass ich hier mehr oder minder eingebrochen bin – wir müssen eindeutig die Sicherheitsvorkehrungen erhöhen. Warst du nicht diejenige, die mir die Nachricht übermittelt hat, dass ich meinen Deal bekommen würde? Dann weißt du sicher, dass ich jetzt unter Immunität stehe, in mein altes kriminelles Leben zurück kann und dass das auch beinhaltet, dass ich mich frei bewegen darf, aufgrund des Peilsenders, den ich eingepflanzt bekommen habe.“ Er legte eine Hand auf den Hals, auf dem noch ein großes weißes Pflaster prangte, das die vernähte Schnittwunde der kleinen Operation schützte. Ich wusste zwar, dass er den Deal bekommen hatte, aber mir wurde nie ausführlich erklärt, was dieser alles beinhalten würde. Mir war klar gewesen, dass er in sein altes Leben zurückkehren musste um den Schein zu wahren, aber dass man ihn so schnell hatte gehen lassen…

„Und der erste Ort an den du nach deiner Freilassung gehst, ist mein Haus“, erwiderte ich skeptisch und zog eine Augenbraue in die Höhe. 

„Nein, ich war zuerst bei mir. Falls es dir nicht entgangen ist, hatte ich nach all den Tagen in Gewahrsam dringend eine Dusche und eine Rasur nötig. Danach habe ich noch etwas regeln müssen und bin schlussendlich hierher gekommen. Anfangs wollte ich mich auch nur davon überzeugen, ob deine Kollegen wenigstens dieses Mal ihren Job richtig gemacht hatten und wieder gehen, aber dann hatte ich dich gehört und dachte mir, warum nicht.“ Lässig zuckte er mit den Schultern und fuhr sich danach durch sein Haar, das ihm wild vom Kopf abstand. 

„Möchte ich wissen, was du da regeln musstest?“ In meinen Gedanken bildete sich das Bild von roher Gewalt, viel Blut, gebrochenen Knochen und Schnittwunden. Nur daran zu denken, dass jemand zu so etwas fähig war, brachte meinen ganzen Körper dazu die Haare aufzustellen.  

„Nicht unbedingt. Aber da du mich schon so interessiert ansiehst, verrate ich es dir trotzdem: eines der Dinge, die ich überhaupt nicht ausstehen kann, ist, wenn mir jemand in mein Handwerk pfuscht. Ich musste nur einem Neuling beibringen, dass er in meinem Geschäftsfeld nichts zu suchen hat. Denn es heißt nicht, wenn ich für ein paar Tage von der Bildfläche verschwinde, dass jeder tun und lassen kann was er will, vor allem, wenn man mir meinen Job streitig machen möchte.“ War es wirklich so schlimm, wenn es jemand zweiten gab, der denselben Job machte wie man selbst? Hatte er nicht genug zu tun? Es gab doch sicherlich genug Verbrecher, die untertauchen mussten. Außerdem war man dann bemüht besser zu werden, oder sah ich das so falsch?

„Das klingt nach einer Art Lektion. Ich denke doch nicht, dass diese wie bei mir ausgesehen hat.“ Angewidert verzog ich meinen Mund, als wieder die gleichen Bilder, wie vorher in meinem Kopf kreisten. 

„Nein, es kam mehr einem Exempel gleich. Aber warum lassen wir dieses Thema nicht einfach? Hast du noch andere Fragen für mich?“ Ich hatte das Gefühl als wollte er absichtlich von diesem Thema wegkommen, doch ich ließ nicht nach, selbst wenn ich mich davor so ekelte. 

„Sicherlich nicht, ich möchte genau bei diesem Thema bleiben. Was bringt es dir, dass du an einem Neuling, der anscheinend deinen Platz einnehmen wollte, ein Exempel zu statuieren? Deinen Kollegen sollte doch klar sein, dass selbst wenn du untertauchst, immer noch alles mitbekommen solltest.“ Seufzend lehnte er sich nun gegen den Pfosten des Himmelbettes. Es kam mir so vor, als wäre er dieses Thema leid. 

„Damit wir es schnell hinter uns bringen: Normalerweise lasse ich das meine Leute innerhalb weniger Stunden nach Auftreten der Person erledigen, doch da ich dieses Mal von den Außenwelt abgeschnitten war, dachte derjenige, dass er den Jackpot geknackt hatte und begann all meine Kontakte ab zu klappern. Woher er diese hat, ist mir ein Rätsel, aber meine Leute arbeiten schon daran. Deshalb dieses Exempel, es soll all denen da draußen zeigen, die sich mit mir anlegen wollen, dass ich sie finden und zur Strecke bringen werde. Erklärung genug?“ Ich nickte ihm zu und verschränkte meine Arme vor der Brust. 

„Fürs erste. Diese Leute, von denen du sprichst, die für dich arbeiten, wer ist das?“

„Es schockiert dich, dass ich trotz Tendenz zu narzisstischen Verhaltensweisen doch in der Lage bin mit anderen zusammenzuarbeiten. Aber du brauchst nur dich selbst ansehen: du bist ebenfalls ein Einzelkind, hast den Drang alles unter Kontrolle halten zu müssen und dir gefällt es ebenso nicht wie mir, wenn dir jemand einen Strich durch die Rechnung macht. Aber trotzdem arbeitest du für das FBI, wo man auf Teamwork setzt. Ich mache es zwar nicht gerne, da man sich mein Vertrauen hart erarbeiten muss, aber es gibt einige Menschen, die das geschafft haben und diese arbeiten nun für mich.“ Anscheinend wollte er auch immer alles genau durchstrukturiert haben und wurde ungemütlich, wenn man ihm einen Strich durch die Rechnung machte oder nun eine Nuance vom Plan abwich… Sehr interessant, anscheinend war Cullen doch kein Buch mit sieben Siegeln mehr für mich, sondern wurde von Minute zu Minute leichter zu lesen. Aus einem hochgestochen geschriebenen Fachbuch wurde allmählich ein seichter Groschenroman, wobei wir bei diesem noch lange nicht angekommen waren.

„Das erklärt aber immer noch nicht, wer das ist!“ Ich wurde ungeduldig, schließlich hatte er mir gesagt, dass er mir ehrlich antworten wollte. 

„Sowohl Männer als auch Frauen, welche aus allen möglichen Schichten der Gesellschaft kommen. Manche sind untergetaucht, andere leben den American Dream, mit einer Frau, zwei bis drei Kinder, einem Hund und einen Haus in einer Vorstadt, fahren von Montag bis Freitag in die Großstadt, um dort ihrem vermeintlichen Job nachzugehen. Die Familien haben keine Ahnung, dass der Ehemann oder die Ehefrau eigentlich einem nicht gerade sehr legalen Job nachgeht.“

„Und in welcher Sparte lässt du deine Leute arbeiten?“

„Größtenteils im IT-Bereich, je mehr du über eine Person weißt, desto besser kannst du sie einschätzen und ausschalten.“

„Das heißt, dass du nicht nur dafür zuständig bist, Verbrechern zu helfen unterzutauchen?“ Cullen begann schallend zu lachen.

„Du hast wirklich keine Ahnung zu was ich allem in der Lage bin, oder?“ 

„Dann sag es mir lieber, bevor ich hier im Dunkeln herumtappe. Ich bin diese Spiele leid, Edward.“

„Sag es nochmal“, er blickte mich an und setzte dann zögerlich nach: „Bitte.“

„Ich bin diese Spiele leid.“

„Nein, nicht das, sondern meinen Namen. Bis jetzt hast du mich nur Cullen genannt und mich nie mit meinem Vornamen angesprochen.“

„Edward!“ Ein Grinsen bildete sich in seinem Gesicht und er erhob sich.

„Weißt du, wie lange ich schon darauf gewartet habe, dass du meinen Namen sagst?“ Während er zu meinem Schlafzimmerfenster ging und mir somit seinen unbedeckten Rücken zuwandte, ließ ich meine Blicke über seinen athletischen Körper schweifen. Durch das gegenüberliegende Fenster strahlte das Mondlicht in mein Zimmer und ich konnte auf seinem Rücken Umrisse eines weiteren Tattoos, das sich anscheinend über seinen kompletten Rücken erstreckte, erkennen.

„Nein, wie lange denn?“, fragte ich nun neugierig und ging ein paar Schritte auf ihn zu. 

„Verdammte vier Jahre. Die ich damit verbracht habe Nachforschungen über dich und deine Arbeit zu machen beziehungsweise machen zu lassen. Vier Jahre, die du mir durch meinen Kopf gegeistert bist und die ich habe abwarten müssen für diesen Zeitpunkt.“ Er wandte sich zu mir um. „Vier Jahre sind eine verdammt lange Zeit um das abzuwarten, das ich geplant habe.“ Als hätte er gerade etwas gesagt, das er nicht wollte, presste er seine Lippen aufeinander.

„Und was ist dieser Plan?“

„Das kann ich dir nicht verraten.“

„Gib mir etwas, damit ich weiß, dass du es ernst nimmst. Dass das hier kein Spiel für dich ist, in dem ich vielleicht nur Kanonenfutter bin. Wenn du wirklich möchtest, dass ich dir mehr Vertrauen schenke, dann sag mir zum Teufel nochmal, was du planst!“, schrie ich ihn nun wütend an. Meine Brust hob und senkte sich schnell, mein Atem ging schneller und ich verengte meine Augenlider. 

„Willst du mich gerade erpressen, ich bitte dich, Bella. Da hast du dir den Falschen ausgesucht.“ Empört schnaubte ich und wollte mich von ihm abwenden, doch er fuhr mit einem Hauch Unsicherheit fort: „Du hast meine Tattoos gesehen, nicht wahr? Der Grund für meinen Plan, für meine Rache, ist auch der Grund weshalb ich diese habe machen lassen.“ Er streckte seinen rechten Arm zur Seite und das eine Tattoo, das ich heute schon gesehen hatte, als er den Peilsender implantiert bekommen hatte, wurde sichtbar. „Du kannst ruhig näher kommen und es dir ansehen. Es ist das Wappen meiner Familie, sowohl meiner alten als auch meiner neuen.“ Verwirrt blickte ich ihn an als er sich nun vor mich stellte. In dem dämmrigen Licht konnte ich die Konturen eines Löwen und einen Adler erkennen, der seine Flügel ausgebreitet hatte. 

„Beides majestätische Tiere. Der Löwe, der König der Tiere und der Adler, der König der Lüfte“, flüsterte ich nun leise und fuhr die schwarzen Konturlinien mit meinem Zeigefinger nach. 

„Welches hast du am Rücken?“ Ohne zu antworten, drehte er sich um und ein riesiger Phönix mit offenem Schnabel und den Füßen mit den langen Krallen zum Kampf bereit prangte auf seinem kompletten Rücken. Bevor ich dieses Meisterwerk berühren konnte, hatte er sich schon wieder umgedreht.

„Wenn du die Geschichte dieses Phönix kennst, kennst du mich und meinen Antrieb, warum ich zu dem geworden bin, der ich bin. Aber diese Geschichte ist noch nicht bereit erzählt zu werden.“ Ich musste meine Neugierde hinunterschlucken und akzeptieren, dass er noch nicht dazu bereit war, mir die Geschichte hinter diesem Tattoo zu erzählen. 

„Aber warum der Löwe und der Adler?“

„Der Löwe war immer schon in meiner Familie vertreten, schließlich ist er ein Zeichen von Macht und Stärke und falls du es noch nicht weißt, viele meiner Vorfahren haben in der Armee gedient oder waren sehr einflussreiche Leute. Der Adler steht für die Weisheit und den Scharfsinn, den ich mir zugelegt habe in meinem neuen Leben. Zugleich bedeutet er auch für mich Freiheit, dass ich an nichts gebunden bin, tun und lassen kann, was ich möchte. Deshalb diese beiden Figuren.“ Ich nickte ihm wieder zu.

„Wozu bist du in der Lage?“, fragte ich ihn nun.

„Kommt drauf an, auf was du hinaus möchtest, ob es dir darum geht, dass ich Menschen ohne mit der Wimper zu zucken und Schuldgefühle zu haben töten kann, oder dass ich mehr als deine Familie über dich weiß?“ Konnte er das wirklich? Ohne Reue? War er doch so gefühlskalt. „Es gehört zu meinem Leben dazu und bevor ich sterbe, stirbt jemand anderes. Hier regiert Egoismus, vergiss das nicht, Bella“, fuhr er fort.

„Wie kann man in so einer Welt leben? Hast du nicht Angst jede Sekunde getötet zu werden?“ Ein leises Lachen kam ihm über die Lippen.

„Sollte sich diese Fragen nicht jeder stellen? Wir leben in einer Welt in der nichts scheint, wie es ist. In der jeder nur an sein eigenes Wohl denkt. Hier zählt Macht, Stärke, Geld und Skrupellosigkeit, wer das besitzt, kommt weit voran und das ist die Welt in der du lebst. In meiner wird das offen gezeigt. Und ob ich Angst habe. Ich weiß es nicht. Jeden Morgen stehe ich auf und gehe mit dem Gedanken in die Welt, dass es mein letzter sein könnte. Die Wahrscheinlichkeit in unserem Alter ist höher bei einem Verkehrsunfall zu sterben, als an einem Herzinfarkt. Das Leben ist viel zu kurz dafür bei jedem deiner Schritte zu überlegen, ob dein Herz versagt, hinter der nächsten Ecke jemand mit einem Messer auf dich wartet, oder ob du erschossen wirst. Solange ich sagen kann, dass ich auf das stolz bin, was ich geschaffen habe und nichts bereue, ist es ein gutes Leben für mich.“ Sprachlos blickte ich ihn an. Das hatte ich nun wirklich nicht erwarten. 

„Obwohl du die Frage noch nicht gestellt hast: Ich habe dich vier Jahre lang beobachten lassen, da du mir einmal in die Quere gekommen bist. Anfangs wollte ich Rache dafür, aber als ich immer mehr Informationen über dich bekommen habe, hast du mich fasziniert. Studierte Psychologin. Arbeitet fürs FBI. Erzählt ihrer Stiefmutter nichts, bittet auch ihren Vater um Stillschweigen, der weiß, wie gefährlich dieser Job sein kann, da er selbst ein Agent war. Hintergangen vom einstigen Ehemann und der Stiefschwester, die beide ein Doppelleben führen. Die eigene Mutter drogensüchtig und gewalttätig. Und da hatte ich schon einmal gedacht, dass meine Familie verkorkst wäre…“, Cullen wollte noch weiterreden, doch er wurde durch einen Klingelton, den ich nicht kannte, unterbrochen. Missgelaunt nahm er den Anruf entgegen. Den er mit einem „Ja“ entgegennahm und mit einem „Gut, dann bring es her und nimm mir einen Anzug für morgen mit.“ auch wieder gleich beendete. 

„Ich hoffe, dass es dich nicht stört, wenn einer meiner Leute gleich vorbeischauen wird? Und ich habe mir die Freiheit herausgenommen aufgrund der vorangeschrittenen Zeit, dass ich heute hier bei dir bleiben werde.“ 

„Und weshalb sollte ich das jetzt zulassen?“

„Weil du sicherlich noch mehr Fragen hast und ich immer noch bereit dazu bin, dir die Antworten dazu zu geben. Und dir vielleicht auch einen Tipp geben kann, deine Stiefschwester zu finden. Außerdem haben wir noch Newton, die kleine Lilly und Volturi zu besprechen. Wir haben schließlich einen langen Abend vor uns.“
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Kapitel 7

, by Vivi

Die Verführung



Je unschuldiger ein Mädchen ist, desto weniger weiß sie von den Methoden der Verführung. Bevor sie Zeit hat nachzudenken, zieht Begehren sie an, Neugier noch mehr und Gelegenheit macht den Rest.“  - Giacomo Casanova



Seufzend legte ich die Kopien der Unterlagen über Leah zur Seite. Ich konnte es immer noch nicht fassen, dass meine eigene Stiefschwester eine Auftragsmörderin sein sollte. Das passte nicht zu dem Bild, das ich von ihr hatte. Ich hätte nie behauptet, dass sich Leah und ich nahe standen, wir tolerierten uns eher nur aufgrund der Liebe unserer beiden Eltern, aber trotzdem hätte ich etwas mitbekommen müssen. Irgendetwas… Aber dem war nicht so… War ich doch keine so gute Profilerin, wie ich immer gedacht hatte? War mein eigenes Ego zu groß geworden, dass ich selbst meine Umgebung nicht mehr richtig wahr nahm und dachte, dass ich alles sofort erkannte? 

Meine Augen schließend lehnte ich meinen Kopf gegen den Badewannenrand. Was waren das doch für nervenaufreibende Stunden gewesen. Am liebsten wäre es mir gewesen, wenn das alles nie passiert wäre. Wie froh war ich gewesen, als mich der Director hatte gehen lassen. Doch bevor ich einen Fuß aus der Black Site gemacht hatte, sah ich nochmal nach Lilly. Was dieses arme Mädchen alles hatte mitmachen müssen… Ich wollte mir gar nicht vorstellen, wie traumatisiert sie jetzt sein musste, fort von ihrer Familie, bei Menschen, die sie nicht kannte und in einer Einrichtung, die nicht gerade sehr freundlich wirkte mit all dem Beton und keinem Tageslicht… 

Jedoch war ich froh, dass es ihr trotz den Umständen entsprechend gut ging. Sie spielte freudig mit der Frau vom Jugendamt. Es war nur noch eine Frage der Zeit bis sich Newton melden würde.

Ich ließ meine Gedanken zu der Entführung, gefolgt von den Neuigkeiten über meine Schwester, die Bombe, Lilly und dann noch Cullen Revue passieren… Dieser Großkotz von Verbrecher, der mich jedes Mal an meine Grenzen brachte. Doch ich verpackte alles in einen mentalen Karton und schob diesen an den Rand und würde ihn erst morgen wieder aufmachen. Ich brauchte diesen Abstand zu allem und war heilfroh endlich in meinen vier Wänden zu sein. Mein Kopf pochte von den ganzen neuen Informationen und meiner Verletzung. In meinem Schrank hatte ich bestimmt noch ein Schmerzmedikament, damit ich wenigstens für ein paar Stunden meine Augen schließen konnte. Da ich Cullens Warnung bezüglich der Abhörgeräte in meinem Zuhause, meinem Heiligtum, ernst nahm, ließ ich einen kleinen Trupp unserer Spezialisten mein Haus durchsuchen, doch sie fanden nichts. Hatte Cullen mich belogen? Warum hätte er es dann aber behauptet? Dieser Gedanke ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Mit meinen nassen Händen fuhr ich mir über mein Gesicht und massierte mir anschließend meine Schläfen. Was bezweckte er überhaupt mit all dem. 

Deine Werte sind nicht gerade sehr berauschend, das müssen wir ändern, für das, was ich vorhabe, sonst bist du in einem Augenblick tot. Was plante er? Sicherlich war es kein Zufall gewesen, dass er mich haben wollte und so viel über meine Familie und Umgebung wusste. Diese Ungewissheit machte mich langsam wahnsinnig. Als Profilerin wusste ich wie mein Gegenüber handelte, doch Cullen war kaum durchschaubar. Nur durch Zufall hatte ich seine Ungeduld gemerkt. Ein Hoffnungsschimmer auf dem sinkenden Schiff meiner Psyche. Seufzend erhob ich mich aus dem schon kühlen Badewasser und schlang das Tuch um meinen Körper. Lustlos ging ich die Treppe hinunter in meine Küche und nahm mir eine Flasche Wasser aus dem Kühlschrank. Ich machte den Verschluss auf und setzte gerade die Flaschenöffnung an meine Lippen an, als ich zwei Hände auf meiner Taille spürte. Erschrocken verharrte ich in meiner Position und meine Flasche glitt mir aus den Fingern. Erst als die Hände vor zu meinem Bauch wanderten, merkte ich, dass es Haut an Haut Kontakt war. Immer noch regungslos stand ich da. 

„Hätte ich gewusst, dass du mich so empfangen würdest, hätte ich schon mal das Bett vorgewärmt“, flüsterte der Mann hinter mir und ich wusste sofort, dass es Cullen war. Sein warmer Atem traf meinen Hals und das Unbehagen in mir wuchs stetig an. Wie zum Teufel kam er in mein Haus? Ich hatte eine der besten Alarmanlagen, die derzeit am Markt waren. Aber was wunderte mich das schon, Cullen schien ein Wunderknabe sondergleichen zu sein.  Wenn er sich nicht in das System hätte reinhacken können, dann hätte der die nötigen Kontakte dafür. Verdammt! Konnte ich nicht einmal nach diesen letzten Stunden meine Ruhe haben? Musste immer etwas passieren und genau mit dem Mann, der hinter mir stand, zu tun haben?

„Es würde niemals soweit kommen, dass ich mit Ihnen ins Bett steigen würde, Cullen!“, giftete ich ihn an und er drehte mich zu sich um. Dabei ließ er die Fingerspitzen über meine Haut wandern und ich spürte, wie sich an jenen Stellen Gänsehaut bildete. Meinem Körper schienen diese Berührungen zu gefallen, meinem Kopf nicht.

„Ich sehe, hat da jemand seine Stimme wiedergefunden“, seine Hände packten etwas grob meine Hüften und drückten mich gegen sich. Ich spürte die Wärme seines Körpers an meiner Brust und ich begann mich leicht zu entspannen. Doch seine wachsende Erektion entging mir absolut nicht. Dass er mich anscheinend attraktiv fand, machte mir innerlich sogar stolz. 

„Lassen Sie mich los!“ Ich wollte mich von ihm wegbewegen, doch er hielt mich weiterhin fest. Seine Finger bohrten sich in meine Haut, vermutlich hatte ich dort morgen blaue Flecken…

„Oh und ein Bett brauchen wir nicht zwingend. Die Wand hier neben uns sieht für mich ebenfalls attraktiv genug aus. Das Sofa habe ich auch schon Probe gelegen und die Küchentheke hätte die optimale Höhe für ein paar unanständige Sachen“, sagte er nonchalant und überging somit geflissentlich meine Forderung.  Ich legte meine Handflächen auf seine Brust und versuchte ihn von mir wegzudrücken, doch er bewegte sich keinen Zentimeter. Im Gegenteil, mit seinem Knie drängte er sich zwischen meine und platzierte den Fuß anschließend zwischen meinen. Nun stand ich ihm ganz ausgeliefert da und das gefiel mir ganz und gar nicht. Ihm anscheinend umso mehr, denn sein harter Penis wurde immer präsenter und drückte gegen meinen Oberschenkel. 

„Hatten wir das nicht schon heute Nachmittag?“, flüsterte mir Cullen nun ins Ohr. Innerlich rügte ich mich selbst für meine Dummheit. In meinem Kopf begannen alle Räder zu rattern, als ich panisch überlegte, wie ich von ihm loskommen würde. Mir war es gar nicht geheuer, dass ich diesem Mann so nah und schutzlos ausgeliefert war. Ich wollte mir gar nicht vorstellen, was da gerade in seinem Kopf vor sich ging… Frustriert ließ ich meine Hände fallen. 

„Na siehst du, so schwer ist das gar nicht! Und ich merke doch, dass dir das hier gefällt.“ Seinen Kopf schief legend betrachtete Cullen mich und strich mir eine verirrte Haarsträhne aus dem Gesicht. Der Ansatz von einem echten Lächeln war da und seine Augen strahlten nicht mehr diese Härte und Kälte in seinem Blick, sondern etwas anderes.... Mir kam es so vor, als hätte er sich einen Moment lang gehen lassen… Doch sofort hatte er sein Pokerface wieder aufgesetzt. 

„Was wollen Sie von mir?“, fragte ich befangen und überlegte weiter, wie ich mich aus dieser sehr pikanten Situation retten könnte. 

„Dir zeigen, dass ich auch ein Mann bin und nicht nur der Schwerverbrecher, der hinter Gittern gehört. Denn das denkst du ja von mir, du hast es mir auch ins Gesicht gesagt. Aber wie kann ich dir das übelnehmen, schließlich wird dir gelehrt, dass wir die Bösen sind. Aber deine Vorgesetzten haben teilweise mehr Dreck am Stecken, als wir.“ Ich zog eine Augenbraue in die Höhe, als Cullen seine rechte Hand von mir löste und mit seinem Daumen über meine Unterlippe strich. Danach nahm er meinen linken Arm und legte meine Finger auf die Stelle, wo sein Herz im Brustkorb lag.

„Spürst du dieses Pochen? Ich bin ein Mensch, wie du. Keine Kreatur, sondern ein Mensch, der die gleichen Bedürfnisse hat wie du: die Sehnsucht nach Geborgenheit, Liebe, Vertrauen, Freiheit und Hoffnung. Ich möchte, dass du mich als Mann siehst. Jemand, der dir das alles bieten kann.“ Wie gebannt starrte ich auf die Stelle, auf der unsere Hände übereinander lagen. Würde ich in diesem Moment behaupten, dass ich daran keinen Gefallen finden würde, hätte ich mich und alle anderen damit belogen. Langsam hob er seine Hand von meiner und ich konnte mich selbst nicht dazu bewegen, dass ich sie von seiner Brust nahm. Seinen kräftigen Herzschlag spürte ich und er hatte eine beruhigende Wirkung mich. Seine Finger legten sich um mein Kinn und hoben den Kopf leicht an. Seine Lippen waren nur einen Hauch von meinen entfernt. Ohne abzuwarten legte er diese auf meine und ich fühlte ein Prickeln auf meiner Haut. 

„Das war doch gar nicht so schlimm und dir hat es sichtlich gefallen“, meinte er, als er den kurzen Kuss beendete und ich fühlte mich sogleich, als wäre ich mit mehreren Kübeln eiskaltem Wasser übergossen worden. Er hatte es geschafft mich zu verführen, dass ich ihn wirklich als Mann wahr nahm und nicht als den Verbrecher, der er war. Da mein Verstand nicht mehr vernebelt war, fiel mir ein, dass ich eine Sprühflasche mit Geschirrspülmittel hier irgendwo stehen haben musste. Blindlings tastete ich hinter mir herum und bekam sie zwischen meine Finger. Fest packte ich sie. 

„Glaube Sie, ja? Ich bezweifle das sehr stark“, versuchte ich ihm entgegenzusetzen, doch meine Worte wurden Lügen gestraft. 

„Ich glaube es nicht nur, ich weiß es.“ Damit wanderte eine seiner Hände meine Seite hinauf zu meiner Brust und er betrachtete mich dabei mit Argusaugen. „Wärst du denn sonst so erregt, wenn nicht?“ 

„Ich bitte Sie, Sie reimen sich da gerade etwas zusammen.“ Langsam beugte er wieder seinen Kopf zu mir und fuhr mit seiner Nase über meinen Hals und über das Schlüsselbein. Seinen Daumen legte er auf meine Brustwarze und ich merkte, wie mein Körper zu reagieren begann. Instinktiv bewegte ich mein Becken über seinen Oberschenkel und durch die Reibung mit seiner Jeans entwich mir ein zaghaftes Stöhnen. Automatisch begann er sein Becken auf und ab zu bewegen und ich spürte, wie er mit seiner anderen Hand über meine Seite zur Hüfte und dann zu meinem Kitzler fuhr und den Daumen dort kreisen ließ. Dieses Mal kam ein lustvolles Stöhnen aus und ich fühlte, wie sich seine Lippen zu einem Lächeln auf meiner Haut formten.

„Genieße es, lass dich gehen“, hauchte er nun in mein Ohr und ich legte meinen Kopf an seine Schulter, als seine Lippen meinen Nippel umschlossen und etwas fordernder daran saugten. Die Nägel meiner freien Hand, krallte ich in seinen Rücken und biss in seine Schulter. Ich spürte, wie er ruckartig ausatmete. Seine Hüftbewegungen wurde immer schneller und fordernder und die entstehende Reibung, trieb mich immer näher an meinen Orgasmus. Meinen Kopf in den Nacken legend und immer lauter stöhnend,  spürte ich, wie sich langsam alles zusammenzog und sich dann mit einer Welle von Glück und Befriedigung in mir löste. Schwer atmend lehnte ich meine Stirn auf Cullens Schulter und wollte hier einfach nur noch liegen und mich erholen. Es war eindeutig zu lange her, dass ich Sex hatte…

„Wann war dein letztes Mal?“, fragte er nun neugierig und spürte wie seine Lippen meine Haut bei jedem Wort liebkosten. Als ich nicht antwortete, wich er zurück, nahm seine Hand von meiner Brust und legte sie abermals unter mein Kinn. Dieses hob er an damit er mir direkt in die Augen sehen konnte. Sofort vermisste ich den Hautkontakt und tadelte mich selbst dafür. Hatte ich das eben vorhin laut gesagt? 

„Das geht Sie einen feuchten Dreck an, Cullen!“ 

„Ich weiß ganz genau, dass du jetzt gerade sehr feucht bist und das ich der Grund dafür bin“, erwiderte er grinsend und mir fiel wieder der Reiniger in meiner Hand ein. 

„Sie glauben nicht wirklich, dass Sie damit durchkommen, oder?“, fragte ich ihn und hob die Flasche mit dem Spülmittel an und spritzte es ihm ins Gesicht.

„Verdammt, das brennt!“, jaulte er laut und ließ mich abrupt aus. Sofort lief ich los, ich folgte nur meinen Instinkten und nahm zwei Stufen auf einmal hinauf in den ersten Stock. Hinter mir machte ich meine Schlafzimmertür zu und zerrte meine Kommode davor. Panisch blickte ich mich um und rannte zurück in mein Bad und schloss ab. Kaum war zugesperrt, konnte ich schon das Poltern hören, wie Cullen die Kommode mühselig zur Seite schob. In diesem Moment wurde mir klar, dass meine Pistole im Schlafzimmer lag. Hastig sah ich mich nach einer Waffe um, mit der ich mich verteidigen konnte. Doch nichts sah brauchbar genug aus… Vielleicht würde ich mit dem Duschkopf genügend Kraft aufbauen können um ihn auszuknocken… Verzweifelt packte ich jenen und stellte mich in die noch nasse  Badewanne. Adrenalin schoss immer noch durch meinen Körper und ich umklammerte den Kopf noch fester. Plötzlich ging mit einem Klick die Tür auf und ein halbnackter Edward Cullen stand vor mir. 

„Wirklich?“, fragte er gelangweilt und betrachtete mich amüsiert. In seiner Hand hielt er ein längliches Ding, das wie ein Dietrich aussah. Was konnte dieser Mann nicht?

„Was sollte das?“ Schützend hielt ich den Duschkopf vor mich hin, was ihn noch mehr zu belustigen schien. 

„Eigentlich wollte ich dir zeigen, dass ich gar nicht der Böse bin, aber das ist etwas schief gegangen.“ Lässig lehnte er sich an den Türrahmen und verschränkte seine Arme vor der Brust.

„Ja, eindeutig. Und warum habe ich das Gefühl, dass Sie das nicht ohne Grund machen, mir zeigen, dass Sie auch nur ein Mensch sind, Gefühle haben wie jeder andere. Ich kann Sie noch nicht lesen, Cullen, also sagen Sie es mir. Ich bin diese albernen Spielereien satt.“

„Das Einzige, das ich in diesem Moment möchte, ist, dass du mich mit meinem Vornamen anredest und dieses höfliche Gequatschte aufhört. Schließlich habe ich dir vor ein paar Minuten einen Orgasmus beschert.“ Ich zog skeptisch eine Braue in die Höhe.

„Nun gut, Edward… Warum trägst du kein Hemd?“ Hatte ich das jetzt wirklich gefragt? Wirklich, Bella, du bist studierte Psychologin und diese Frage fällt dir zu aller erst ein?, tadelte ich mich. 

„Bevor ich dir meine Antwort gebe, gestehe dir bitte ein, dass dir gefällt was du siehst. Geh‘ von dem Gedanken weg, dass du für das FBI arbeitest und ich ein Krimineller bin. Du bist eine Frau, ich ein Mann, diese Anziehung, die du empfindest, ist etwas Natürliches. Also bitte wehre dich nicht so stark dagegen. Aber nun zu dem Grund weshalb ich meinen Oberkörper entblößt habe: Ich trage sehr ungern nasse Hemden und da du meines mit deiner kleinen Attacke eingesaut hast, musste ich es leider loswerden. Jedenfalls vielen Dank dafür, ich brauchte so oder so eine kleine Abkühlung. Und der andere Grund ist, wie du heute fasziniert mein Tattoo betrachtet hast und ich wollte dir eine Möglichkeit geben es genauer unter die Lupe zu nehmen, wenn du möchtest.“ Abfällig betrachtete ich ihn und ich merkte, dass ich ihn wirklich zunehmend attraktiv fand. Aber ich durfte ihn nicht ansehnlich finden, er war mein Feind! Verdammt noch einmal, ich durfte ihn einfach nicht sexy finden! Und diese Eskapade in der Küche war nur ein Ausrutscher, versuchte ich mir einzureden. 

„Ich warte immer auf meine Antwort?“

„Welche?“

„Wann du das letzte Mal Sex hattest.“ Cullen zog wartend eine Augenbraue in die Höhe. Seufzend hängte ich den Duschkopf zurück in die Vorrichtung, da es nun so oder so egal war. Ich gab mich mit meinem Schicksal hier nackt vor ihm zu stehen und ihm ausgeliefert zu sein zufrieden, schließlich lag mein Handtuch noch in der Küche… 

„Acht Monate“, meinte ich kleinlaut, als ich über den Badewannenrand stieg und hinauf zu den Badetüchern langen wollte. Kurz bevor meine Finger eines berühren konnte, spürte ich seine Hand auf meinem Handgelenk wodurch er mich stoppte. Mit seiner freien nahm er mühelos eines hinunter und entfaltete es anschließend. Nachdem er mich losgelassen hatte, hielt er es mir einladend auf. Skeptisch blickte ich ihn an und er verdrehte die Augen.

„Ich sagte doch, ich bin nicht der Böse. Also zier dich nicht so und nimm es an!“ Seufzend wollte ich es entgegen nehmen, doch er schüttelte nur den Kopf.

„Umdrehen!“, forderte er streng und ich tat was er sagte. „Geht doch!“, flüsterte er mir ins Ohr, als er hinter mir stand und das Tuch um meine Schultern legte. Sanft strich er über meine Oberarme und wich ein paar Schritte zurück. 

„Acht Monate sind schon eine lange Zeit“, sinnierte er, als er in mein Schlafzimmer ging und sich auf das Ende meines Betts setzte. Ich folgte ihm und lehnte mich an die Stelle des Türrahmens, an der er vor wenigen Minuten gelehnt hatte. 

„Tja… für mich geht der Beruf eben vor. Da bleibt keine Zeit für Beziehungen oder Affären.“

„Das glaube ich dir nicht.“ Er legte seine Unterarme auf seine Oberschenkel und schüttelte den Kopf.

„Ach, wirklich!“, gab ich zornig zurück. 

„Ja. Du bist oft verletzt worden, aber deshalb die ganze Männerwelt abzuschreiben, ist auch kein Weg glücklich zu werden.“

„Das hier soll jetzt keine Analyse meinerseits sein, sondern ich darf hier die Fragen stellen, oder hast du das schon vergessen?“

„Nein, nein, das habe ich nicht. Also bitte frage, was dich interessiert. Ehrlich gesagt, werde ich bei manchen Antworten dir nicht alles erzählen können wie ich möchte, aber es geht um deine Sicherheit, je mehr du weißt, desto größer wird die Gefahr und die Wahrscheinlichkeit steigt, dass du ein Ziel wirst. Gut, Volturi hat es auf dich abgesehen, aber das ist nichts, was sich nicht lösen lässt…“

„Na gut, meine erste Frage…“
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Kapitel 6

, by Vivi

Die Lektion



Es ist so leicht, andere, und so schwierig, sich selbst zu belehren.“  – Oscar Wilde



„Lily ist nicht ihre leibliche Tochter, oder?“, stellte ich meine Frage oder eher meine Vermutung an Cullen. Während ich mir die Familienfotos der Newtons angesehen hatte, war mir aufgefallen, dass die Iris der vermeintlichen Eltern bei keinen der beiden blau pigmentiert war, Lilys aber schon. Es war sehr unüblich aufgrund der Genetik, dass sich das rezessive Gen durchsetzte, vor allem, wenn keiner der näheren Verwandten diese Farbpigmentierung vorweisen konnte. Michaels waren grün, Jessicas braun und deren Eltern hatten ebenfalls die gleiche Färbung, wie die ihrer Kinder. Deshalb war es sehr fragwürdig, dass Lily plötzlich blaue hatte. Die einzig andere Möglichkeit wäre, dass Newton nicht der Vater wäre und das Mädchen dadurch ein Kuckuckskind. Vielleicht traf er auch deshalb keine Maßnahmen um seine Tochter wiederzubekommen.

„Gut erkannt. Nein, sie ist mit keinen von beiden blutsverwandt. Und da ist es egal was die Geburtsurkunde sagt.“ Diese Gelassenheit mit er dies gesagt hatte, erstaunte mich. Es schien, als wüsste er immer genau, was ich von ihm haben wollte. Als wäre ihm klar, welche Frage als nächstes kommen würde und war mir anscheinend auch immer drei, wenn nicht sogar mehr Schritte voraus. Langsam bereute ich es, dass ich ihn bei meinem Gespräch mit Sue hatte mithören lassen. 

„Aber es gibt Beweise, dass Jessica Newton schwanger war“, wandte mein Kollege rasch ein, damit er nicht nur untätig dastand.

„O’Brien, Ihnen ist es sicher nicht in den Sinn gekommen, dass sie vielleicht ihre Schwangerschaft nur vorgetäuscht oder ihr Kind verloren hat und dann ein neues Baby bekam. Newton gehört zu einem Kartell, das sich unter anderem auch auf Menschenhandel spezialisiert hat. Wie leicht wird es dann für ihn sein, ein Baby, das ähnliche Merkmale wie die beiden aufweist, zu beschaffen?“ 

Gelangweilt lehnte sich Cullen nun an den Tisch und verschränkte seine Arme vor der Brust. O’Brien sah Cullen ertappt an und mein Gegenüber schüttelte nun lustlos den Kopf.

„Ich hab es doch gesagt, nur Idioten sind hier unterwegs, außer dir, Bella.“ Theatralisch nahm er seine Hände hoch, um diese dann auf sein Gesicht zu legen. Mit einer hochgezogenen Augenbraue betrachtete ich sein Theater. Als er mich wieder anblickte, rang er sich ein zaghaftes Lächeln ab, als würde er etwas bedauern, was er gesagt hatte. Jedoch im nächsten Augenblick sah er O’Brien mit so einem verschmitzten Grinsen an, als wäre mein Kollege sein nächstes Opfer, dass ich einschreiten musste.

„Was machen wir mit Cullen? Wurden präventive Maßnahmen bezüglich vorhandener Fluchtgefahr ausgehandelt?“, erkundigte ich mich bei meinem Kollegen und tat so, als wäre der Genannte nicht im Raum. Der Schwerverbrecher begann schallend zu lachen, als hätte ich eben gefragt, ob die Welt eckig und nicht rund sei.  „So einen guten Witz habe ich seit Jahren nicht mehr gehört, Bella. Du bist dir im Klaren, dass ich meinen Kunden anbiete, sie innerhalb ein paar Stunden aus dem Land verschwinden zu lassen. Weshalb sollte ich es dann nicht auch bei mir können und da ist es egal, was ihr mir einpflanzt, wenn ich möchte, dass ihr mich nicht findet, dann tut ihr es auch nicht. Und es besteht keine Fluchtgefahr, dafür hat das hier alles einen zu großen Stellenwert für mich.“

„Apropos Chip, der Doc wird in Kürze vorbeikommen um den Peilsender zu implantieren“, meinte nun O’Brien.

„Hätte ich das nicht erwähnt, hätte er bestimmt drauf vergessen.“ 

Cullens Großkotzigkeit ließ mich laut ausatmen. Konnte er es nicht lassen meinen Kollegen permanent schlecht zu machen? War es einer der Dinge, die dieses Spiel für ihn so interessant machte? Andere klein zu halten um sich selbst zu profilieren? Oder wollte er etwas hinter dieser Fassade verstecken? Ein Geheimnis vielleicht? Eine Schwäche?

„Mister Cullen, ich bitte Sie Ihr loses Mundwerk im Zaum zu halten. Diese Anschuldigungen bringen nichts. Soll ich Ihnen wie den Kindergartenkindern Sandkastenförmchen in die Hand drücken, damit Sie mit diesen in der Gegend herumwerfen können?“ Belustigt sah mich der Angesprochene an und wollte etwas erwidern, doch ich fuhr unbeirrt fort, „Denn genau das ist das Niveau, auf dem Sie sich gerade befinden. Sie denken, Sie sind klüger, besser und gewiefter als wir, blicken auf uns herab, als wären wir der Abschaum der Welt. Doch Sie sind es, der sich hier zum Idioten durch Ihre Sprüche macht. Und kommen Sie mir nicht mehr so nahe wie eben beim Telefonat, sonst sehe ich mich gezwungen andere Saiten aufzuziehen und sei es Deal hin oder her.“ Böse starrte ich ihn an. 

„Ich bitte dich, Bella-“

„Nein. Sparen Sie sich Ihre Erklärungen, ich will diese nicht hören.“ Amüsiert nickte er mir zu. „Und, O’Brien, sehen Sie zu, wo der Doc bleibt.“ Wortlos ging mein Kollege aus dem Raum. Seufzend fuhr ich mir durch mein Haar. Weshalb war das alles so kompliziert? Irgendwie bereute ich es, dass ich Seattle und mein gut eingespieltes Team verlassen hatte. 

„Wieso weiß deine Stiefmutter nichts von deinem Job?“, fragte Cullen plötzlich und ich blieb in meiner Bewegung wie eingefroren.

„Wie bitte?“ Mit zusammengezogenen Augenbrauen lehnte ich mich nun gegen die kalte Betonwand der Zelle. Meine Arme ließ ich an meinen Seiten herunterbaumeln und meine Füße überkreuzte ich leicht. 

„Weshalb Sue nicht weiß, dass du Profilerin beim FBI bist.“ Wusste er es etwa nicht? Gab es etwas, worüber Edward Cullen keine Information über mich hatte.

„Bevor ich es verrate, würde ich gerne Ihre Theorie dazu hören.“ Überlegend strich er sich über sein Kinn und kam einen Schritt auf mich zu. 

„Die Tatsache, dass es ihr das Herz zerreißen würde, dass du bei einem Einsatz ums Leben kommen würdest, kann ich schon einmal vergessen. Das Gespräch war wirklich sehr aufschlussreich. Sie weiß nicht einmal wer sich genau hinter ihrer ach so tollen Tochter versteckt. Es ist ein Wunder, dass du als Profilerin das ebenfalls nicht bemerkt hast. Entweder ist die Wölfin eine sehr gute Schauspielerin oder du warst davon geblendet, dass keiner in deiner Familie ein kriminelles Superhirn sein könnte. Nun ja, zurück zum eigentlichen Thema: meine Hypothese wäre es, dass du es ihr nicht gesagt hast, da sie sonst noch mehr Angst vor dir hätte – wobei, hoppla, du weißt doch gar nicht, dass Sue nur zu dir so böse ist, weil sie sich vor dir fürchtet.“ 

Ein Lachen, das ich sofort als Husten tarnte, entschwand mir. Es war wirklich lächerlich, doch ich wartete auf Cullens Erklärung, „Denn schließlich weiß sie, dass du einen Doktor in Psychologie hast und somit Leute und ihre Ticks sofort erkennen kannst. Und wenn ich dir sage, dass sie ganz dunkle Geheimnisse hat, dann ist des Rätsels Lösung auch nicht mehr weit. Denn was fürchten viele Menschen am meisten, genau, dass ihre bösen Taten ans Licht kommen, dass man ihre Ticks und Macken entdeckt und gegen sie verwendet. Und Sue ist es nicht geheuer, dass du ihre Beziehung so gut verkraftet hast, da sie ja schon sehr lange ein Augen auf Charlie geworfen hatte.“ Mit weit geöffneten Augen blickte ich ihn nun an. Wie bitte? 

„Also zusammengefasst: Sue hat Angst vor mir, weil ich ihre dunklen Geheimnisse aufdecken würde – ich habe keine Ahnung welche das sind – um sie gegen sie zu verwenden, weil ich ihre Beziehung zu meinem Vater nicht gut finden könnte. Das ist ja trivial und lächerlich.“

„Nicht für sie.“ Kopfschüttelnd stand ich da und hörte, wie Cullen wieder näher kam. Warnend richtete ich meinen Blick auf ihn.

„Aber gut. Um ehrlich zu sein, ich habe nicht wirklich eine Idee, weshalb Sue es nicht weiß. Ich bin mir nur darüber im Klaren, dass sie denkt, dass du Psychologin bist und deine Praxis nach D.C. verlegt hast, da du eine Art Selbstfindungstrip hast.“ Cullen kam noch einen Schritt näher und stand mir somit gegenüber. 

Meine lockere Haltung hatte ich aufgegeben und verkrampfte mich nun, um jederzeit gewappnet zu sein. Er schien dies zu merken und sagte: „Ach, Bella, entspann dich doch etwas. Hier will dir niemand etwas tun.“ Seine linke Hand legte er auf der rechten Seite meines Kopfes auf die Wand. Das war zu nah, viel zu nah und mir reichte es. Wenn ich jetzt gleich ein Disziplinarverfahren am Hals hatte, war mir das egal. Ich hob  meinen rechten Arm, ballte meine Hand zu einer Faust und wollte ihn gerade eine ins Gesicht pfeffern, als er meine Finger in seiner Hand abfing, mich umdrehte und meinen Rücken an seine Brust presste. Nun lag mein rechter Arm um meinen eigenen Hals und Cullen hätte nur noch fester ziehen müssen und er hätte mir die Luftzufuhr abschneiden können.

„Nahkampf ist nicht so deine Stärke, wie ich sehe. Ebenso das Schießen. Deine Werte sind nicht gerade sehr berauschend, das müssen wir ändern, für das, was ich vorhabe, sonst bist du in einem Augenblick tot. Ein Projektil genau zwischen den beiden Augen hindurch. Das wäre doch nicht gut.“ 

Mit meiner linken freien Hand versuchte ich mit aller Kraft mit meinem Ellbogen in seinen Bauch oder auf seine Rippen zu treffen, damit er vielleicht als Schockreaktion seinen Griff lockerte. Doch nichts passierte, außer dass mein Ellbogen nun schmerzte. 

„So leicht kannst du mir nicht wehtun Der Doc und O’Brien werden sicher gleich kommen und ich möchte keinen schlechten Eindruck bei ersterem hinterlassen, denn ich hoffe, dass er mich in Zukunft ordentlich zusammenflicken wird. Und ungleichmäßig verheilte Narben sind grässlich.“ Ruckartig ließ er mich los und schlagartig wurde mir bewusst, dass er das alles geplant hatte. Dass er mir absichtlich so nah gekommen war, um einerseits meine Reizgrenze auszutesten und andererseits mir eine Lektion zu erteilen, dass er hier der körperlich Stärkere war und nicht ich. Schwer schluckend blickte ich ihn an. Mein Herz raste in meinem Brustkorb und ich schwitzte am ganzen Körper. Dieser Mann war arrogant, selbsteingenommen und so abweisend, dass es schwer war, ihm irgendeine Art von Sympathie entgegen zu bringen. Ich fragt mich immer mehr, wie ich mit ihm zusammenarbeiten könnte, wenn er mir ständig zeigen musste, dass er der Bessere von uns beiden war. Mich wieder an die Wand lehnend, massierte ich meinen schmerzenden Ellbogen. 

Einige Minuten der Stille vergingen bis die Tür geöffnet wurde und O’Brien mit dem Doc, der mich zusammengeflickt hatte, in den Raum trat. 

„Mister Cullen, wenn Sie bitte Ihren Oberkörper frei machen könnten“, sagte der Arzt und stellte seinen Koffer auf den metallenen Tisch. Jenen öffnete er, während Cullen sein Hemd auszog. Auf der Innenseite seines rechten Oberarmes hatte er ein Tattoo. Was es jedoch war, konnte ich nicht richtig erkennen, außer, dass viel Schwarz, Grau und Rottöne vertreten waren. O’Brien stellte sich neben mich und beobachtete jede Bewegung der beiden mit Argusaugen. Ich schloss für einen Augenblick meine Lider um etwas abzuschalten. Schließlich war ich schon lange auf den Beinen und brauchte dringend Schlaf. Ich hoffte, dass ich bald nachhause, mich in mein kuscheliges Bett werfen und entspannen konnte. Vielleicht würde ich mir heute auch ein langes Bad in meiner Badewanne gönnen…

„Fertig“, meinte der Arzt und ich schlug die Lider wieder auf. Ich musste eindeutig etwas eingenickt sein, denn ich fühlte mich gleich eine Spur frischer und munterer. 

„Da wir nun alles erledigt haben, würde ich aber zu gerne Whitlock persönlich treffen. Ich weiß zwar viel über ihn, hatte aber noch nie das Vergnügen ihm direkt in die Augen blicken zu können.“ Ich schaute zu O’Brien, der immer noch neben mir stand und Cullen vermutlich wegen seiner verbalen Attacke liebend gerne einen Dolch in den Rücken rammen würde. Weshalb nahmen Männer ihre Niederlagen so zu Herzen? Cullen deutete ich an, dass er mir folgen solle und wir setzten uns in Bewegung. Als wir aus dem Raum traten, erwartete uns schon die kleine Armada von bewaffnete Männern. Sofort brachten sich jene vor und hinter uns in Stellung. 

„Hast du keine weiteren Fragen über deine Stiefschwester? Über deine Stiefmutter konnte ich dir ja schon einen kleinen Einblick geben“, erkundigte sich Cullen nach ein paar Minuten der Stille.

„Weshalb erzählen Sie es mir nicht.“ Ich war der Spielchen müde und konnte mir besseres vorstellen, als jetzt noch „20 Fragen“ zu spielen, oder was er auch im Kopf vorhatte. Dieser Mann war in keiner Weise transparent, sondern eine dicke Betonwand, die ich erst einreißen musste und mit einem Vorschlaghammer kam ich da nicht weit, da musste ich schon mir schon etwas anderes ausdenken, vor allem nach der kleinen Lektion, die er mir gerade erteilt hatte. 

„Erstens, über die förmliche Form sind wir schon lange hinweg, Bella, wie oft denn noch? Zweitens, ich tratsche nicht gerne frei heraus, sondern bekomme lieber Fragen gestellt, das macht es um so vieles interessanter, oder etwa nicht?“ Er blieb stehen und ich tat es ihm gleich. Meinen Kopf leicht in den Nacken legend sah ich ihm ins Gesicht. Widersprach er sich da gerade nicht selbst? Hatte er nicht frei über Sue gesprochen, über ihre Angst, dass ich ihr dunkles Geheimnis lüften konnte?

„Habe ich meine Stiefmutter angelogen, als ich ihr gesagt habe, dass wir sie finden werden.“ Ich blickte ihm direkt in die Augen um ein Blinzeln, ein Zucken oder jegliche andere Bewegung, die auf eine Lüge hindeuten könnten, zu erkennen, doch  da war nichts als er mir antwortete. 

„Nein, hast du nicht, aber der Zustand in dem wir sie finden, ist doch das Wichtigere.“ 

„Wer ist wir?“ Verwirrt zog ich die Augenbrauen zusammen und legte meinen Kopf leicht schief. 

„Du und ich, vielleicht auch diese nutzlosen Kollegen von dir. Ich überlege, ob es mir wert ist meine Kontakte spielen zu lassen oder nicht. Das werde ich spontan entscheiden.“ Plötzlich setzte er sich wieder in Bewegung und ich starrte ihm kurz verdattert nach. Hatte er eben meine Kollegen als ineffizient beschrieben? 

„Willst du dort Wurzeln schlagen, oder zeigst du mir den Weg?“, fragte Cullen amüsiert und tippt ungeduldig mit seiner Schuhspitze gegen den Beton. Hmmm… ich hatte etwas Neues an ihm entdeckt, anscheinend wurde er schnell ungeduldig, wenn er das nicht bekam was er wollte. 

„Weißt du, was ich mich eben frage?“, erwiderte ich und blieb an meiner Stelle stehen. Meine Arme verschränkte ich vor der Brust und wartete darauf, dass er sich deshalb erkundigte.

„Erleuchte mich mit deinen Gedanken.“ Er kam mit einigen Schritten auf mich zu. Lächelnd blickte ich ihn an, zuckte flüchtig mit den Schultern und ging weiter. Ich wartete gar nicht darauf ob er mir folgte oder nicht, sondern marschierte durch die Flure, bog einmal rechts, das nächste Mal links ab und hielt dann vor der Tür des Kontrollraumes. Als ich mich umdrehte, stand Cullen hinter mir und er sah mich verwundert an.

„Was sollte das denn? Du hast mich da einfach mit den Männern alleine gelassen, das war unfair.“

„Ich bin nicht deine Babysitterin, Cullen und du bist groß genug, um auf dich alleine aufzupassen. Oder soll ich dir noch vorm Schlafen gehen eine Gute Nacht Geschichte vorlesen und unter dem Bett nachsehen, ob ja keine Monster darunter versteckt sind?“, fragte ich ihn provozierend. Doch zu meiner Überraschung winkte er mit der Hand ab.

„Das brauche ich schon lange nicht mehr, aber vielleicht sollte man in deinem Haus nachsehen, ob nicht ein paar Wanzen versteckt sind.“ In diesem Augenblick wurde aus Spaß Ernst und mir war nicht danach, diese sehr realistische Vermutung ins Lächerliche zu ziehen. Zwar war es bei mir Standardprozedere, dass ich meine Wohnung alle Monate absuchte und mit bester Technik schützte, aber das hieß nie, dass mir etwas entging. 

„Weiß ich etwas nicht?“

„Alles zu seiner Zeit, also, wo ist Whitlock jetzt?“ Ich öffnete die Tür und das rege Treiben in dem Kontrollraum, wie das fleißiger Bienen in ihrem Bienenstock, blieb stehen, als meine Kollegen Cullen wahrnahmen. Er marschierte hoch erhobenen Hauptes und seiner Präsenz bewusst durch den Raum hindurch zu dem SAC. Augenverdrehend, weil ihn wirklich jeder anstarrte, folgte ich ihm. 

„Whitlock, es freut mich Ihnen endlich gegenüber zu stehen. Ich habe von Ihrer Scheidung gehört, welch eine Schande. Aber ich hätte Ihnen von Anfang an sagen können, dass Maria nichts für Sie war.“ Cullen sprach einen bemitleidenden Ton, doch jeder wusste, dass es nicht ernst gemeint war. Und ich hatte an Withlocks Hand gemerkt, dass er einen Ring getragen hatte und woher Cullen das schon wieder wusste, war mir schleierhaft.

„Mein Privatleben geht hier niemanden etwas an und Sie erst recht nicht, Cullen. Und die Freude liegt nicht auf meiner Seite, solange Sie nicht wieder in Ketten gelegt oder hinter Gittern sind.“

„Ich bitte Sie, so schlimm ist es doch nicht und es ist schließlich nur fair, dass ich etwas über Sie ausplaudere, nachdem ich Bellas Vergangenheit ein klein wenig enthüllt habe.“ Gemächlich ließ sich Cullen auf seinen Sessel nieder und lehnte sich entspannt nach hinten, als wäre er nicht von FBI-Agents umzingelt, sondern von Freunden mit denen er bei Bier und Knabbereien leger zusammensitzen würde, um über Alltägliches zu sprechen. Aber vielleicht war das auch für ihn alltägliches Gerede. Schließlich lebte er in einer Welt, die nur so vor Gefahren und Drohungen strotze, in welcher derjenige das bessere Blatt in der Hand hatte, wenn er mehr über das Leben und den Gepflogenheiten seines Gegenspielers wusste. Jedoch war es von Vorteil, wie man sein gutes Blatt nutzte. 

„Das tut hier nichts zur Sache. Helfen Sie uns lieber bei unserem Fall.“ 

„Das würde ich gerne tun, nur davor möchte ich gerne hören, was Ihre Einheit schon alles an Information zusammengetragen hat.“ Whitlock schnaubte laut und blickte mich flüchtig an. Ich nickte ihm zu und versuchte ihn mit einem freundlichen Gesichtsausdruck aufzuheitern.

„Der Banküberfall ist Ihnen klar und der Anschlag vor der National Gallery of Art war Ihnen ebenfalls bekannt. War nun der Unfall mit Jessica Newton nur ein Zufall oder Absicht?“, meinte der SAC. 

„Sie haben es eben mit Unfall betitelt. Ist dieses Wort nicht damit in unseren Köpfen versehen, dass etwas unabsichtlich passiert? Ich würde es als Attentat bezeichnen. Haben Sie schon die Person, die im Auto war identifizieren können?“ Weshalb wusste er das nicht? Oder tat er nur so als ob? Seine Wortwahl war ebenfalls sehr interessant. Ein Attentat. Das hieß, es war geplant. Ich musste mir eindeutig nochmals das Video ansehen und ein Profil zu den Tätern erstellen, vielleicht würde uns das weiterhelfen.
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