Kapitel 8

, by Vivi


Die Tattoos


Sieh zu, dass du ein ehrlicher Mensch wirst, denn damit sorgst du dafür, dass es einen Schurken weniger auf der Welt gibt.“ – Thomas Carlyle



„Na gut, meine erste Frage: Wie zum Teufel, bist du hier her gekommen?“ 

Ein amüsierter Ausdruck legte sich auf sein Gesicht.

„Ich kann verstehen, dass es dir nicht gefällt, dass ich hier mehr oder minder eingebrochen bin – wir müssen eindeutig die Sicherheitsvorkehrungen erhöhen. Warst du nicht diejenige, die mir die Nachricht übermittelt hat, dass ich meinen Deal bekommen würde? Dann weißt du sicher, dass ich jetzt unter Immunität stehe, in mein altes kriminelles Leben zurück kann und dass das auch beinhaltet, dass ich mich frei bewegen darf, aufgrund des Peilsenders, den ich eingepflanzt bekommen habe.“ Er legte eine Hand auf den Hals, auf dem noch ein großes weißes Pflaster prangte, das die vernähte Schnittwunde der kleinen Operation schützte. Ich wusste zwar, dass er den Deal bekommen hatte, aber mir wurde nie ausführlich erklärt, was dieser alles beinhalten würde. Mir war klar gewesen, dass er in sein altes Leben zurückkehren musste um den Schein zu wahren, aber dass man ihn so schnell hatte gehen lassen…

„Und der erste Ort an den du nach deiner Freilassung gehst, ist mein Haus“, erwiderte ich skeptisch und zog eine Augenbraue in die Höhe. 

„Nein, ich war zuerst bei mir. Falls es dir nicht entgangen ist, hatte ich nach all den Tagen in Gewahrsam dringend eine Dusche und eine Rasur nötig. Danach habe ich noch etwas regeln müssen und bin schlussendlich hierher gekommen. Anfangs wollte ich mich auch nur davon überzeugen, ob deine Kollegen wenigstens dieses Mal ihren Job richtig gemacht hatten und wieder gehen, aber dann hatte ich dich gehört und dachte mir, warum nicht.“ Lässig zuckte er mit den Schultern und fuhr sich danach durch sein Haar, das ihm wild vom Kopf abstand. 

„Möchte ich wissen, was du da regeln musstest?“ In meinen Gedanken bildete sich das Bild von roher Gewalt, viel Blut, gebrochenen Knochen und Schnittwunden. Nur daran zu denken, dass jemand zu so etwas fähig war, brachte meinen ganzen Körper dazu die Haare aufzustellen.  

„Nicht unbedingt. Aber da du mich schon so interessiert ansiehst, verrate ich es dir trotzdem: eines der Dinge, die ich überhaupt nicht ausstehen kann, ist, wenn mir jemand in mein Handwerk pfuscht. Ich musste nur einem Neuling beibringen, dass er in meinem Geschäftsfeld nichts zu suchen hat. Denn es heißt nicht, wenn ich für ein paar Tage von der Bildfläche verschwinde, dass jeder tun und lassen kann was er will, vor allem, wenn man mir meinen Job streitig machen möchte.“ War es wirklich so schlimm, wenn es jemand zweiten gab, der denselben Job machte wie man selbst? Hatte er nicht genug zu tun? Es gab doch sicherlich genug Verbrecher, die untertauchen mussten. Außerdem war man dann bemüht besser zu werden, oder sah ich das so falsch?

„Das klingt nach einer Art Lektion. Ich denke doch nicht, dass diese wie bei mir ausgesehen hat.“ Angewidert verzog ich meinen Mund, als wieder die gleichen Bilder, wie vorher in meinem Kopf kreisten. 

„Nein, es kam mehr einem Exempel gleich. Aber warum lassen wir dieses Thema nicht einfach? Hast du noch andere Fragen für mich?“ Ich hatte das Gefühl als wollte er absichtlich von diesem Thema wegkommen, doch ich ließ nicht nach, selbst wenn ich mich davor so ekelte. 

„Sicherlich nicht, ich möchte genau bei diesem Thema bleiben. Was bringt es dir, dass du an einem Neuling, der anscheinend deinen Platz einnehmen wollte, ein Exempel zu statuieren? Deinen Kollegen sollte doch klar sein, dass selbst wenn du untertauchst, immer noch alles mitbekommen solltest.“ Seufzend lehnte er sich nun gegen den Pfosten des Himmelbettes. Es kam mir so vor, als wäre er dieses Thema leid. 

„Damit wir es schnell hinter uns bringen: Normalerweise lasse ich das meine Leute innerhalb weniger Stunden nach Auftreten der Person erledigen, doch da ich dieses Mal von den Außenwelt abgeschnitten war, dachte derjenige, dass er den Jackpot geknackt hatte und begann all meine Kontakte ab zu klappern. Woher er diese hat, ist mir ein Rätsel, aber meine Leute arbeiten schon daran. Deshalb dieses Exempel, es soll all denen da draußen zeigen, die sich mit mir anlegen wollen, dass ich sie finden und zur Strecke bringen werde. Erklärung genug?“ Ich nickte ihm zu und verschränkte meine Arme vor der Brust. 

„Fürs erste. Diese Leute, von denen du sprichst, die für dich arbeiten, wer ist das?“

„Es schockiert dich, dass ich trotz Tendenz zu narzisstischen Verhaltensweisen doch in der Lage bin mit anderen zusammenzuarbeiten. Aber du brauchst nur dich selbst ansehen: du bist ebenfalls ein Einzelkind, hast den Drang alles unter Kontrolle halten zu müssen und dir gefällt es ebenso nicht wie mir, wenn dir jemand einen Strich durch die Rechnung macht. Aber trotzdem arbeitest du für das FBI, wo man auf Teamwork setzt. Ich mache es zwar nicht gerne, da man sich mein Vertrauen hart erarbeiten muss, aber es gibt einige Menschen, die das geschafft haben und diese arbeiten nun für mich.“ Anscheinend wollte er auch immer alles genau durchstrukturiert haben und wurde ungemütlich, wenn man ihm einen Strich durch die Rechnung machte oder nun eine Nuance vom Plan abwich… Sehr interessant, anscheinend war Cullen doch kein Buch mit sieben Siegeln mehr für mich, sondern wurde von Minute zu Minute leichter zu lesen. Aus einem hochgestochen geschriebenen Fachbuch wurde allmählich ein seichter Groschenroman, wobei wir bei diesem noch lange nicht angekommen waren.

„Das erklärt aber immer noch nicht, wer das ist!“ Ich wurde ungeduldig, schließlich hatte er mir gesagt, dass er mir ehrlich antworten wollte. 

„Sowohl Männer als auch Frauen, welche aus allen möglichen Schichten der Gesellschaft kommen. Manche sind untergetaucht, andere leben den American Dream, mit einer Frau, zwei bis drei Kinder, einem Hund und einen Haus in einer Vorstadt, fahren von Montag bis Freitag in die Großstadt, um dort ihrem vermeintlichen Job nachzugehen. Die Familien haben keine Ahnung, dass der Ehemann oder die Ehefrau eigentlich einem nicht gerade sehr legalen Job nachgeht.“

„Und in welcher Sparte lässt du deine Leute arbeiten?“

„Größtenteils im IT-Bereich, je mehr du über eine Person weißt, desto besser kannst du sie einschätzen und ausschalten.“

„Das heißt, dass du nicht nur dafür zuständig bist, Verbrechern zu helfen unterzutauchen?“ Cullen begann schallend zu lachen.

„Du hast wirklich keine Ahnung zu was ich allem in der Lage bin, oder?“ 

„Dann sag es mir lieber, bevor ich hier im Dunkeln herumtappe. Ich bin diese Spiele leid, Edward.“

„Sag es nochmal“, er blickte mich an und setzte dann zögerlich nach: „Bitte.“

„Ich bin diese Spiele leid.“

„Nein, nicht das, sondern meinen Namen. Bis jetzt hast du mich nur Cullen genannt und mich nie mit meinem Vornamen angesprochen.“

„Edward!“ Ein Grinsen bildete sich in seinem Gesicht und er erhob sich.

„Weißt du, wie lange ich schon darauf gewartet habe, dass du meinen Namen sagst?“ Während er zu meinem Schlafzimmerfenster ging und mir somit seinen unbedeckten Rücken zuwandte, ließ ich meine Blicke über seinen athletischen Körper schweifen. Durch das gegenüberliegende Fenster strahlte das Mondlicht in mein Zimmer und ich konnte auf seinem Rücken Umrisse eines weiteren Tattoos, das sich anscheinend über seinen kompletten Rücken erstreckte, erkennen.

„Nein, wie lange denn?“, fragte ich nun neugierig und ging ein paar Schritte auf ihn zu. 

„Verdammte vier Jahre. Die ich damit verbracht habe Nachforschungen über dich und deine Arbeit zu machen beziehungsweise machen zu lassen. Vier Jahre, die du mir durch meinen Kopf gegeistert bist und die ich habe abwarten müssen für diesen Zeitpunkt.“ Er wandte sich zu mir um. „Vier Jahre sind eine verdammt lange Zeit um das abzuwarten, das ich geplant habe.“ Als hätte er gerade etwas gesagt, das er nicht wollte, presste er seine Lippen aufeinander.

„Und was ist dieser Plan?“

„Das kann ich dir nicht verraten.“

„Gib mir etwas, damit ich weiß, dass du es ernst nimmst. Dass das hier kein Spiel für dich ist, in dem ich vielleicht nur Kanonenfutter bin. Wenn du wirklich möchtest, dass ich dir mehr Vertrauen schenke, dann sag mir zum Teufel nochmal, was du planst!“, schrie ich ihn nun wütend an. Meine Brust hob und senkte sich schnell, mein Atem ging schneller und ich verengte meine Augenlider. 

„Willst du mich gerade erpressen, ich bitte dich, Bella. Da hast du dir den Falschen ausgesucht.“ Empört schnaubte ich und wollte mich von ihm abwenden, doch er fuhr mit einem Hauch Unsicherheit fort: „Du hast meine Tattoos gesehen, nicht wahr? Der Grund für meinen Plan, für meine Rache, ist auch der Grund weshalb ich diese habe machen lassen.“ Er streckte seinen rechten Arm zur Seite und das eine Tattoo, das ich heute schon gesehen hatte, als er den Peilsender implantiert bekommen hatte, wurde sichtbar. „Du kannst ruhig näher kommen und es dir ansehen. Es ist das Wappen meiner Familie, sowohl meiner alten als auch meiner neuen.“ Verwirrt blickte ich ihn an als er sich nun vor mich stellte. In dem dämmrigen Licht konnte ich die Konturen eines Löwen und einen Adler erkennen, der seine Flügel ausgebreitet hatte. 

„Beides majestätische Tiere. Der Löwe, der König der Tiere und der Adler, der König der Lüfte“, flüsterte ich nun leise und fuhr die schwarzen Konturlinien mit meinem Zeigefinger nach. 

„Welches hast du am Rücken?“ Ohne zu antworten, drehte er sich um und ein riesiger Phönix mit offenem Schnabel und den Füßen mit den langen Krallen zum Kampf bereit prangte auf seinem kompletten Rücken. Bevor ich dieses Meisterwerk berühren konnte, hatte er sich schon wieder umgedreht.

„Wenn du die Geschichte dieses Phönix kennst, kennst du mich und meinen Antrieb, warum ich zu dem geworden bin, der ich bin. Aber diese Geschichte ist noch nicht bereit erzählt zu werden.“ Ich musste meine Neugierde hinunterschlucken und akzeptieren, dass er noch nicht dazu bereit war, mir die Geschichte hinter diesem Tattoo zu erzählen. 

„Aber warum der Löwe und der Adler?“

„Der Löwe war immer schon in meiner Familie vertreten, schließlich ist er ein Zeichen von Macht und Stärke und falls du es noch nicht weißt, viele meiner Vorfahren haben in der Armee gedient oder waren sehr einflussreiche Leute. Der Adler steht für die Weisheit und den Scharfsinn, den ich mir zugelegt habe in meinem neuen Leben. Zugleich bedeutet er auch für mich Freiheit, dass ich an nichts gebunden bin, tun und lassen kann, was ich möchte. Deshalb diese beiden Figuren.“ Ich nickte ihm wieder zu.

„Wozu bist du in der Lage?“, fragte ich ihn nun.

„Kommt drauf an, auf was du hinaus möchtest, ob es dir darum geht, dass ich Menschen ohne mit der Wimper zu zucken und Schuldgefühle zu haben töten kann, oder dass ich mehr als deine Familie über dich weiß?“ Konnte er das wirklich? Ohne Reue? War er doch so gefühlskalt. „Es gehört zu meinem Leben dazu und bevor ich sterbe, stirbt jemand anderes. Hier regiert Egoismus, vergiss das nicht, Bella“, fuhr er fort.

„Wie kann man in so einer Welt leben? Hast du nicht Angst jede Sekunde getötet zu werden?“ Ein leises Lachen kam ihm über die Lippen.

„Sollte sich diese Fragen nicht jeder stellen? Wir leben in einer Welt in der nichts scheint, wie es ist. In der jeder nur an sein eigenes Wohl denkt. Hier zählt Macht, Stärke, Geld und Skrupellosigkeit, wer das besitzt, kommt weit voran und das ist die Welt in der du lebst. In meiner wird das offen gezeigt. Und ob ich Angst habe. Ich weiß es nicht. Jeden Morgen stehe ich auf und gehe mit dem Gedanken in die Welt, dass es mein letzter sein könnte. Die Wahrscheinlichkeit in unserem Alter ist höher bei einem Verkehrsunfall zu sterben, als an einem Herzinfarkt. Das Leben ist viel zu kurz dafür bei jedem deiner Schritte zu überlegen, ob dein Herz versagt, hinter der nächsten Ecke jemand mit einem Messer auf dich wartet, oder ob du erschossen wirst. Solange ich sagen kann, dass ich auf das stolz bin, was ich geschaffen habe und nichts bereue, ist es ein gutes Leben für mich.“ Sprachlos blickte ich ihn an. Das hatte ich nun wirklich nicht erwarten. 

„Obwohl du die Frage noch nicht gestellt hast: Ich habe dich vier Jahre lang beobachten lassen, da du mir einmal in die Quere gekommen bist. Anfangs wollte ich Rache dafür, aber als ich immer mehr Informationen über dich bekommen habe, hast du mich fasziniert. Studierte Psychologin. Arbeitet fürs FBI. Erzählt ihrer Stiefmutter nichts, bittet auch ihren Vater um Stillschweigen, der weiß, wie gefährlich dieser Job sein kann, da er selbst ein Agent war. Hintergangen vom einstigen Ehemann und der Stiefschwester, die beide ein Doppelleben führen. Die eigene Mutter drogensüchtig und gewalttätig. Und da hatte ich schon einmal gedacht, dass meine Familie verkorkst wäre…“, Cullen wollte noch weiterreden, doch er wurde durch einen Klingelton, den ich nicht kannte, unterbrochen. Missgelaunt nahm er den Anruf entgegen. Den er mit einem „Ja“ entgegennahm und mit einem „Gut, dann bring es her und nimm mir einen Anzug für morgen mit.“ auch wieder gleich beendete. 

„Ich hoffe, dass es dich nicht stört, wenn einer meiner Leute gleich vorbeischauen wird? Und ich habe mir die Freiheit herausgenommen aufgrund der vorangeschrittenen Zeit, dass ich heute hier bei dir bleiben werde.“ 

„Und weshalb sollte ich das jetzt zulassen?“

„Weil du sicherlich noch mehr Fragen hast und ich immer noch bereit dazu bin, dir die Antworten dazu zu geben. Und dir vielleicht auch einen Tipp geben kann, deine Stiefschwester zu finden. Außerdem haben wir noch Newton, die kleine Lilly und Volturi zu besprechen. Wir haben schließlich einen langen Abend vor uns.“

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