Kapitel 2
Elizabeth: Wieso beziehen Sie mich ein? Ich bin ein Niemand. Es ist mein erster Tag. Ich bin nichts Besonderes.
Red: Oh, ich halte Sie für etwas ganz Besonderes.
[…]
Elizabeth: Und das soll ich Ihnen glauben?
Red:
Nein, natürlich nicht. Ich bin ein Krimineller. Kriminelle sind
notorische Lügner. Alles an mir ist eine Lüge. Aber wenn mir jemand eine
zweite Chance geben kann, dann sind Sie es. Wir beide haben so viel
überstanden.
The Blacklist: Staffel 1, Episode 1 (Der Pilot)
Die Akte Cullen lag mitten auf dem Tisch. Das Geräusch der Absätze meiner Stöckelschuhe hallte im Raum und ich setzte mich auf den Stuhl gegenüber dem Schwerverbrecher. Meine Tasse stellte ich ab und begann in der Akte zu blättern. Ich wusste nicht einmal, ob ich all die Information über Edward Cullen wissen durfte, trotzdem saugte ich alles in mich auf.
Mit seinen sechsunddreißig Jahren, einer militärischen Ausbildung und einem stabilen finanziellen und familiären Hintergrund war er irgendwie auf die falsche Seite gerutscht. Das wie interessierte mich. Schließlich war es Teil meines Jobs mich in die Gedanken eines Verbrechers zu versetzen und herauszufinden, was er mit seinen Taten sagen wollte.
Er hatte ausgezeichnete Noten gehabt, war sogar jedes Jahr Jahrgangsbester in allen Schulen, selbst an der Militärakademie. War Quarterback eines erfolgreichen High School Footballteams gewesen und wäre er nicht zum Militär gegangen, hätte ihm eine Karriere als Spieler in der NFL sicher nichts im Wege gestanden. Seine Eltern Esme und Carlisle Cullen waren in keiner Weise mit dem organisierten Verbrechen in Verbindung. Sie gingen gesellschaftlich angesehen Berufen nach: er Arzt, sie Dozentin an einer Elite-Uni. Die Eltern hatten auch seit dem Zeitpunkt an dem er abgetaucht war keinen Kontakt.
„Sie waren in der Bank of America Filiale“, sagte Cullen plötzlich und ich blickte neugierig, aber auch geschockt zu ihm. „Ihnen werden sicher viele Fragen durch den Kopf kreisen. Ihre Stiefschwester, nicht wahr?“
„Wie bitte?“, fragte ich nach und ging seiner Frage somit aus dem Weg.
„Glauben Sie, dass ich nicht weiß, wer Sie sind, Special Agent Swan? Ich weiß mit wem Sie Ihr erstes Date hatten, wo sie zuletzt Urlaub gemacht haben und noch vieles mehr“, lachte er und wollte seine Hände heben, die jedoch in Ketten lagen.
„Das glaube ich Ihnen nicht und für mich hat sich hiermit die Sache beendet. Mein Kollege wird weiter mit Ihnen sprechen.“ Ich erhob mich, nahm meine Sachen und marschierte in Richtung Ausgang.
„Heute wäre Ihr freier Tag, doch Sie arbeiten. Sie sind Profilerin, erzählen Sie mir etwas über mich. Schließlich haben Sie bei Volturi ganze Arbeit geleistet. Was denken Sie?“
Abrupt blieb ich stehen und blickte ihn über meine Schulter an. Woher wusste er, dass ich die zuständige Profilerin bei Alec Volturi gewesen war. Die Akten waren für niemanden zur Einsicht gestatten, der nicht direkt mit dem Fall betroffen war.
„Ich denke, dass Sie ein Schwerverbrecher sind, der hinter die dicksten Mauern dieser Welt eingeschlossen gehört.“ In dem Moment als ich die Worte sprach, wusste ich, dass ich einen großen Fehler begangen hatte. Ich hatte ihn an mich heranlassen, mich provozieren lassen und dann noch nach meinen Gefühlen gehandelt.
Meine Objektivität wurde von meinem subjektiven Verlangen nach Rache – da er so viel über mich wusste – überschattet und gelenkt. Danach setzte ich meinen Weg nach draußen fort. Wie konnte ich nur so dumm sein? Es war ja nicht der Fall, dass ich seit gestern Profilerin war. Ich hatte meinen Job seit mehreren Monaten und dann beging ich einen solch eklatanten Fehler. Für mich war es unvorstellbar. Meine eigene Dummheit zum Greifen…
„Was ist, wenn ich Ihnen sage, dass ich weiß, wer Ihre Stiefschwester entführt hat und weshalb?“ Ich ließ diese Frage unbeachtet und war erleichtert, als ich die Tür zu diesem Zimmer schloss. Gleich an der Wand ließ ich mich zu Boden und dachte über das Gespräch nach. Whitlock, er war in der Zwischenzeit zurückgekehrt, und sein Kollege sahen mich verblüfft an, als hätte ich ein Wunder bewirkt. Zornig kam der Mann, der Cullen davor befragt hatte auf mich zu und ging wieder hinein.
„Reden Sie nun endlich?“, keifte er den Mann an und schlug mit seiner Faust auf den metallenen Tisch. Selbst ich zuckte bei dem Laut der aus den Lautsprechern kam zusammen.
Wir waren in unserer Ausbildungszeit geschult worden, genau diesen Sachen standzuhalten. Ich wusste nicht was, aber heute war ich eindeutig mit dem falschen Fuß aufgestanden, sonst wären mir solche Fehler nie passiert!
„Nein, ich werde nur noch mit Special Agent Isabella Swan reden. Alles andere wird sinn- und zwecklos sein“, sagte Cullen gelangweilt, als hätte man ihn eben nach der derzeitigen Wetterlage gefragt. Verwundert zog ich meine Augenbrauen zusammen, da es ihm gleichgültig war, was mit ihm gemacht wurde. Smith kam in dem Moment auf uns zugelaufen.
„Sie hatten Recht, es scheint ein und dieselbe Person zu sein. Wir haben die Anrufe zurückverfolgt und der letzte Anruf von Sue Swan ging an Megan Young alias Leah Clearwater. Die DNA-Analyse mit dem Blut vom Tatort und einem Gegenstand aus ihrer New Yorker Wohnung wird es dann noch bestätigen.“ Ich nickte ihm zu.
„Was machen Sie überhaupt hier?“, fragte Smith mich dann und blickte anschließend zu Cullen ins Zimmer. Jener schien immer noch zu schweigen, denn der Kollege schrie ihn weiterhin an. Zerrte das nicht an seinen Kräften. Inzwischen fragte ich mich, ob seine Verhörmethoden überhaupt noch Sinn ergaben.
„Sitzen, was denn sonst?“, giftete ich zurück. Sofort war mir klar, dass ich mich nur aufgrund meines Fehlers so widerwärtig benahm.
„Wir hätten Sie niemals mit hier herunter nehmen dürfen“, seufzte er und fuhr sich über seinen glatt rasierten Kopf. Ach, dachte ich sarkastisch, da kommst du aber früh drauf, mein großer. Jetzt war ich schon mal hier unten und wusste, dass sie Cullen in Gewahrsam hatten. Daran konnte er auch nichts mehr ändern, war er doch selbst schuld. Wären wir in ein übliches Büro gegangen und hätten dort unsere Arbeit erledigt.
„Jetzt reicht es mir. Er weiß was über unseren Fall und selbst wenn ich es jetzt aus ihm herausprügeln müsste, möchte ich das wissen!“ Ich stand auf, richtete meine Kleidung und ging energischen Schrittes auf die Türe zu. Kurz bevor ich hineinstürmen wollte, wurde ich von einem der bewaffneten Männern am Handgelenk gepackt und weggezogen.
„Nehmen Sie Ihre Hände von mir!“, meinte ich schroff und sah ihn mit verengten Augen an.
„Sie sind zu wütend, Special Agent Swan. Beruhigen Sie sich. Wir wissen, dass er Sie eben emotional aufgewühlt hat, er ist ein Meister darin. Sie müssen sich aber soweit im Griff haben, dass das nicht mehr passiert. Er spielt sonst Ihre Schwächen gegen Sie aus. Passen Sie auf!“, erklärte mir Whitlocks Kollege. Ich wollte mich eben entschuldigen, als der Assistent Director auf uns zu kam und deutete dem Kerl, der mich festhielt mit einem Nicken an, mich loszulassen.
„Was ist hier los?“, erkundigte er sich. Anscheinend kam er gerade von dem Tatort, da er immer noch seinen warmen Wintermantel trug.
„Ihr erster Tag und Sie machen schon Probleme, wie soll das weitergehen?“, fragte sich Bennett anscheinend selbst und rieb sich über sein Kinn. Er begrüßte den SAC und entschuldigte sich für mein Benehmen.
„Sir, ich wollte nur Cullen etwas fragen.“ Mit einer Kopfbewegung deutete ich zu der verspiegelten Glasscheibe hin.
„Er wird Ihnen nicht antworten, Special Agent.“
„Sir, da muss ich Ihnen widersprechen.“ Im gleichen Augenblick begann auch Cullen wieder: „Anscheinend ist nun jemand Höheres eingetroffen als Whitlock. Ich vermute es sind Sie Bennett. Wissen Sie, ich kann Sie schon seit Meilen am Boden austrampeln hören. Den Ballettkurs, den ich Ihnen vor Jahren geschenkt habe, haben Sie bis heute nicht eingelöst, würde Ihnen aber sicherlich gut tun. Und Whitlock, diese Dumpfbacke hier bekommt nicht einmal die lausigste Verhörtechnik richtig hin. Ein Witz was Sie hier für Geschütze auffahren. Und jetzt würde ich gerne wieder mit der bezaubernden Special Agent Swan sprechen.“ Sein Lachen drang nach außen und Bennett schloss für einen Augenblick seine Augen um sich zu sammeln.
„Gut, dann gehen Sie hinein. Fragen Sie was er will und was er vorhat. Kein Alleingang. Verstehen Sie mich?“
„Ja, Sir.“
„Und Agent Swan, Ihnen kann nichts passieren. Dafür sorgen wir.“ Ich zog eine Augenbraue in die Höhe und richtete meinen Anzug. Zum Schluss nahm ich noch einen Schluck meines Kaffees.
„Jetzt möchte ich mit ihm reden!“, sagte ich mit ruhiger Stimme zu meinen Kollegen und dieses Mal ließen mich alle passieren.
Kaum schloss sich die Türe hinter mir mit einem „Klick“, stellten sich sämtliche Haare meines Körpers auf.
„Ich hatte schon ganz die Hoffnung aufgegeben Sie wiederzusehen“, sagte Cullen grinsend, während ich mir meinen Weg zu dem Sessel bahnte.
„Nun gut. Ich habe ein paar Fragen an Sie, Mister Cullen.“ Ich sortierte die Unterlagen vor mir, die mein Kollege durcheinander gebracht hatte.
„Weshalb ich?“
„Bitte?“
„Weshalb reden Sie nur mit mir?“ Es war zwar keine ausgemachte Frage, aber das war mir auch schon egal.
„Weil Sie mir kompetent erscheinen.“
„Das glaube ich Ihnen nicht. Sie wussten, dass ich hinter der Glaswand stand, weshalb?“, stellte ich gleich meine nächste Frage.
„Dass Sie dort waren wusste ich nicht. Die Wahrscheinlichkeit war da, aber gewusst habe ich es nicht.“
„Was wollen Sie, Cullen?“
„Ihnen helfen, Bella.“
„Was verlangen Sie dafür?“
„Ihre Partnerschaft.“
„Ich vertraue Ihnen nicht.“
„Davon war auch nie die Rede.“
Selbst diese kurze Unterhaltung mit ihm verlangte mir viel Kraft ab. Was stellte sich Cullen vor? Und genaue Antworten gab er mir nicht…
„Vielleicht kann ich Sie aber dazu bringen mir zu vertrauen, Bella.“
„Nur meine Freunde und meine Familie dürfen mich so nennen, für Sie bin ich Special Agent Swan“, sagte ich ihm nun und presste danach meine Lippen aufeinander. Ich musste ihm meine Autorität beweisen und dass ich dieses Gespräch führte, sonst wäre ich nur seine Marionette. Und diese wollte ich gewiss nicht sein.
„Nun denn, Special Agent Swan, weshalb heißen Sie nicht Black mit Nachnamen, so wie Ihr Ex-Mann?“ Meinen Schock konnte ich gerade noch verbergen. Für was war ich trainiert worden, wenn ich erst recht nicht das tat, was mir gelehrt worden war. Am liebste hätte ich laut losgeseufzt. Woher wusste er von meiner Ehe? Ich trug weder einen Ring, noch stand es in meinen Akten.
„Und wie ich sehe, haben Sie sich von ihren biederen Kleidern getrennt. Der neue Schnitt und Stil steht Ihnen hervorragend. Hat Ihre Cousine Angela nun endlich ihren Doktor gemacht? Oder nein, das können Sie ja gar nicht wissen, heute schreibt sie ihre letzte Klausur. Und ich muss Ihnen noch mein herzliches Beileid aussprechen, da Ihr geliebte Hündin Nessi vor einigen Monaten verstorben ist. Altersschwäche, nicht wahr? Und ich habe Ihre Mutter vor ein paar Jahren besucht, sie entschuldigt sich für Ihre Narbe. Es waren die Drogen, die sie damals nahm. Schlecht gemischtes Zeug, aber das kennen Sie ja, bei all den Drogenopfern, die Sie in Seattle tot aufgefunden haben.“ Er wollte noch weiterreden, doch ich stand auf. Ich konnte mir das alles nicht länger anhören.
„Wollen Sie etwas zu trinken haben? Ich hole mir einen Kaffee.“ Ohne auf eine Antwort zu warten, schritt ich aus dem Raum.
„Woher weiß er das alles!“, sagte ich mit wütender Stimme. Noch nie in meinem Leben hatte jemand so viel über mich gewusst.
„Wir sollten Sie lieber fragen, weshalb wir das alles nicht über Sie wissen, Special Agent!“, konterte Bennett mit verschränkten Armen vor der Brust. Seufzend fuhr ich durch meine Haar und machte mich mental dazu bereit ihnen von meiner Ehe zu erzählen.
„Ich war verliebt, schwer verliebt um ehrlich zu sein. Es war in der Abschlussklasse in der High School. Am Tag unserer feierlichen Zeugnisübergabe, hat er ganz still und heimlich um meine Hand angehalten. Mein Vater wäre aus allen Wolken gefallen, hätte er gewusst, dass seine kleine unschuldige Tochter verlobt war. Jake und ich machten uns in einer Nacht und Nebelaktion per Auto auf nach Las Vegas, wo wir bei der nächstbesten Kapelle hielten und uns trauen ließen.“
„So weit so gut, aber warum scheint es nicht im System auf?“
„Weil diese Ehe nicht rechtskräftig vollzogen wurde. Das Blatt mit unseren Daten verschwand und man hatte unsere Eheschließung nicht ins System eintragen können, deshalb findet man auch nichts darüber. Meinem Dad hatte ich damals auch nichts davon gesagt, nur dass ich in Seattle aufs College gehen würde, was er akzeptierte. Als ich mich für das College einschreiben ging und mit Isabella Black ausfüllte, wurde mir gesagt, dass es diese Person nicht gäbe. Was für mich zum damaligen Zeitpunkt keinen Sinn ergab, schließlich hatte ich Jacobs Namen bei unserer Hochzeit angenommen. Aus diesem Grund ging ich zum nächsten Revier und forderte einen Auszug ein. Ich war nicht verheiratet, dämmerte es mir, nachdem ich jenen in der Hand hielt. Man rief die Behörde in Nevada an und diese wusste von nichts. Heute bin ich froh, dass ich nicht mit ihm verheiratet bin. Ich ging nach Seattle studierte. Jacob unternahm währenddessen nichts, um unsere Ehe rechtsgültig zu machen und ich war bitter enttäuscht. Damals dachte ich mir, dass er der Mann fürs Leben wäre, doch ich wurde eines besseren belehrt. Denn Leah lud mich sechs Wochen nach Studienbeginn zu ihrer und Jakes Hochzeit ein. Anscheinend hatte er es sich wohl anders überlegt und wollte meine ältere Stiefschwester heiraten. Bis heute ist mir nicht klar, weshalb er um meine Hand angehalten hatte, wenn er dann doch Leah geheiratet hat.“
Bennett, Smith und O’Brien, selbst Whitlock sahen mich mit mitleidiger Miene an.
„So schlimm ist das nicht und schon seit über zehn Jahren her“, versuchte ich zu beschwichtigen, doch der Ausdruck änderte sich nicht.
„Und Ihre Mutter?“
„Ich weiß es nicht. Das letzte Mal habe ich sie gesehen, als ich dreizehn Jahre alt war und sie mir diese Narbe“, dabei zeigte ich auf die Stelle an meinem Haaransatz, „verpasste. Aber darüber möchte ich nicht reden.“ Die drei Männer nickten mir zu.
„Wollen Sie nochmals zu ihm hinein? Sonst würden wir ihn in eine Black Site bringen“, erkundigte sich Whitlock. Ich wog das Für und Wider ab und entschieden dann doch dafür.
„Wenn ich darf. Dieses Mal versuche ich mich nicht von ihm so beeinflussen zu lassen.“
„Ihr Kaffee, Ma‘am“, sagte ein anderer FBI-Agent und überreichte mir einen Becher. Nachdem ich mich bei ihm bedankt hatte, ging ich heute zum dritten und hoffentlich letzten Mal in diesen abscheulichen kahlen Raum. Denn schließlich musste der Schein gewahrt werden, dass ich mir etwas zum Trinken geholt hatte. Nun denn, auf ein Neues!

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