Kapitel 3

, by Vivi






Die Bombe






„Vertrauen ist das Gefühl, einem Menschen sogar dann glauben zu können, wenn man weiß, dass man an seiner Stelle lügen würde.“ – Henry Louis Mencken








„Der Kaffee riecht köstlich, selbst wenn ich keinen trinke.“

„Wo waren wir stehen geblieben?“, fragte ich und tippte mir mit einem Zeigefinger aufs Kinn.

„Bei Ihren Ermittlungen in Seattle. Ich muss Ihnen gratulieren, dass Sie Alec Volturi geschnappt haben, aber dieser wird in diesem Augenblick auf dem abgelegenen Landeplatz von seinen Leuten abgeholt und in Sicherheit gebracht.“

„Woher“, weiter kam ich gar nicht, da mich Cullen unterbrach: „Ich habe es organisiert. Ich habe nicht ohne Grund den Ruf oder den Namen des Vermittlers bekommen. Also, sollten Sie einmal in Erwägung ziehen ungesehen außer Landes zu wollen oder hier hinein, dann rufen Sie mich an.“ Cullen legte seinen Kopf schief und sah mir wie immer direkt in die Augen, als wolle er etwas ablesen.

„Wissen Sie, dass die Augen das Fenster der Seele sind und ich gerade Ihre sehe?“, sagte er nun, nach ein paar Augenblicken der Stille.

„Was wollen Sie mir beweisen?“

„Nichts. Oh und schicken Sie einen Krankenwagen oder mehrere zur National Gallery of Art, eines Ihrer beiden Banküberfallopfer wird dort in etwa zehn Minuten, wie ich eben von Ihrer Uhr ablesen kann, deponiert und detonieren. An Ihrer Stelle würde ich mich beeilen. Ich vergebe nur ungerne Tipps ohne dafür etwas zu erhalten.“

Ein selbstgefälliges Grinsen trat in sein Gesicht und er lehnte sich entspannt zurück. Er hatte wieder den Ball in meine Spielhälfte geworfen und ich musste überlegen, was ich damit anfing, wie ich konterte oder ihn den Punkt machen ließ.

„Wenn das stimmt was Sie sagen, bekommen Sie ein Stück meines Vertrauens. Verscherzen Sie es sich nicht. Also, überlegen Sie genau, ob das stimmt, was Sie eben gesagt haben.“

„Weshalb sollte ich über das Leben anderer Scherze machen. Ich bitte Sie, Special Agent, langsam sollten Sie mich kennen.“

„Mein Bauchgefühl sagt mir, dass Sie die Wahrheit sprechen, mein Verstand sagt mir, dass Sie mich anlügen.“

„Dann hören Sie auf Ihren Bauch als auf Ihren Verstand. So wie bei Volturi. Wie hatte Ihr Partner gesagt: Ich bezweifle, dass er versucht über den Hafen zu entkommen. Und wie wollte er fliehen? Sagen Sie es mir, Bella.“

„Über den Hafen“, meinte ich gleichgültig.

„Warum sitzen Sie dann noch hier herum und sind nicht auf den Weg zum Museum. Das Leben so vieler Menschen steht auf dem Spiel. Wir beide können später noch weiterplaudern.“ Das Amüsement in seiner Stimme war kaum zu überhören.

Bevor ich nun aufstehen würde und meinen Kollegen die Richtigkeit seiner Aussage bestätigte, musterte ich Cullen nochmals eingehend und merkte, dass sein Blick auf meinem Dekolleté fixiert war und er sich abwesend über die Lippen leckte.

„Wenn Sie richtig liegen, komme ich wieder. Wenn nicht, dann sehe ich zu, dass Sie in einem Black Site verrotten werden.“ Cullen schien sich wieder zu fassen und lachte leise auf.

„Beim nächsten Treffen erzähle ich Ihnen etwas über Ihre Stiefschwester Leah oder auch in meinen Kreisen als Die Wölfin bekannt. Viel Glück, denn das können Sie brauchen. Und so schnell werde ich an keinem Ort vor mich hinvegetieren, ich bin viel zu kostbar für Sie und Ihre Leute.“ Er war sich so sicher, dass es stimmte…

Ich war nur noch einen Schritt von der Tür entfernt, als Cullen sagte: „Und, Bella, tick, tack, tick, tack. Die Zeit läuft.“ Was für ein kranker Mensch!

„Glauben Sie, dass er die Wahrheit spricht?“, fragte mich Smith, sobald ich aus dem Verhörzimmer heraustrat.

„Sagen Sie es mir. Ein Anruf bei den Kollegen in Washington reicht aus und Sie wissen es. Ich habe mir meine Meinung gebildet.“ Er zog sein Handy heraus und setzte sich sofort mit unseren nationalen Kollegen in Kontakt. Er ging ein paar Schritte weg um ungestört telefonieren zu können. Entweder lagen die Augenpaare der Leute um mich herum auf Cullen oder mir.

„Was sagen Sie?“, erkundigte sich nun Whitlock bei mir, der lässig an einer der Betonwände lehnte.

„Schicken Sie Krankenwagen hin und ein SWAT Team, ich glaube Cullen, selbst wenn es mir schwer fällt und ich will es selbst mit meinen Augen sehen und versuchen Sie so viele Leute wie möglich in Sicherheit zu bringen. Die National Gallery of Art ist nicht sehr weit weg.“ Die Menge um mich herum löste sich hektisch auf und ich rannte mit meinen Kollegen zu dem Aufzug. Selbst wenn Bennett mein Chef war und die Befehlsgewalt innehatte, so ging es gerade nicht darum wer mehr Macht hatte, sondern um die Rettung von unschuldigen Leben.

Wir rannten durch die Sicherheitsvorkehrungen und die drei Blocks entlang zur Kunsthalle. Vollkommen außer Puste kamen wir gegenüber von dem Museum an und uns trennte nur noch eine Ampel. Ein Blick auf meine Uhr verriet mir, dass die Zeit extrem drängte.

„Wir können die Straßen nicht mehr säubern. Das Einzige was möglich ist, den Kollateralschaden so gering wie möglich zu halten“, meinte Whitlock, der leise keuchte. Die Ampel wurde grün und wir liefen weiter zu dem Gebäude.

„Wie sollen wir das machen, wir sind viel zu wenige“, sagte ich, doch ich unterbrach mich selbst.

Geschockt riss ich die Augen auf, als sich die Szene vor mir wie in Zeitlupe abspielte. Eine junge Frau ging mit ihrem Kind an der Hand über den Zebrastreifen, als ein schwarzer SUV ohne zu bremsen über die Kreuzung direkt auf uns zufuhr. Die Frau wurde mitgeschleift, das Kind lag verletzt am Boden und der Querverkehr begann jäh zu  bremsen. Das schwarze Fahrzeug fuhr weiterhin mit erhöhter Geschwindigkeit auf uns zu und nahm eine Straßenlaterne mit. Die Menschen um uns herum begannen panisch zu schreien und in jede erdenkliche Richtung zu laufen.

Vor lauter Bewegung konnte ich kaum noch etwas erkennen. Doch dann machte sich eine kleine Lücke zwischen den Menschen auf und ich konnte erkennen, dass das Gefährt auf dem kleinen Platz vor dem Museum stehen geblieben war. Schaulustige rannten zu dem Auto anstatt davon weg.

Ein dunkel gekleideter Mann mischte sich durch die Masse. Ich sah O’Brien und Whitlock an und wollte ihnen mitteilen, dass ich den Fahrer verfolgen würde, doch dann war nur noch ein lauter Knall zu hören. Durch die Druckwelle wurden wir zu Boden gerissen und ich landete auf meinem rechten Arm, durch welchen sich ein stechender Schmerz breit machte und meinem Kopf. Verdammte Scheiße, das tat weh! Normalerweise war ich keine Person, die Kraftausdrücke von mir gab, aber in diesem Fall war es notwendig. Von weitem tönten schon die Sirenen der Krankenwagen. Weshalb  hatte das so lange gedauert?

Mit schmerzverzerrtem Gesicht richtete ich mich auf und lief zu dem brennenden Wrack.

„Swan, bleiben Sie hier, das nützt nichts mehr!“, rief Whitlock hinter mir und packte meinen pochenden Oberarm. Er drehte mich zu sich und begutachtete meine Platzwunde am Kopf. Ich spürte, wie mir das warme Blut über meinen Hals lief, doch ich ignorierte es.

„Sie sind verletzt, Special Agent. Nach dem Protokoll müssen Sie jetzt zurück ins Hauptquartier und einen unserer Ärzte sehen.“ Gesichtsausdruck des SACs ließ keine Worte zum Widerspruch frei.

„Mir geht es gut. Wir sollten zusehen, dass wir den Menschen helfen!“

„Ich sage es Ihnen ein letztes Mal, Swan, fahren Sie zurück und lassen Sie sich untersuchen!“

„Special Agent-in-Charge  Whitlock, ich habe heute schon zu viele Regeln und Vorschriften gebrochen, denken Sie, dass es da auf diese eine für mich drauf ankommt?“ Er ließ mich los und ich rannte über die Straße zu dem Mädchen, deren Mutter von dem Auto erfasst worden war. Weinend kauerte sie am Boden und schluchzte laut vor sich hin.

„Hi, wer bist denn du?“, fragte ich mit sanfter Stimme, während ich mich auf ihre Augenhöhe begab. Die Kleine sah zu mir auf mit ihren verweinten blauen Augen.

„Lily.“

„Hallo Lily, ich bin Bella. Tut dir etwas weh oder hast du Schmerzen?“ Sie schüttelte ihren Kopf und die blonden Locken wirbelten in der Luft herum.

„Bella, du blutest ja“, sagte sie ganz leise und deutete auf meinen Hals.

„Das verkrafte ich schon. Jetzt bringe ich dich in Sicherheit, okay?“ Nachdem sie mir zugenickt hatte, stand ich aus meiner Hocke auf und hob sie hoch. Mit Lily in meinen Armen, die sich an meinem Blazer festklammerte, als würde ihr junges Leben davon abhängen, marschierte ich zu den Rettungssanitätern.

„Ich will nicht, dass du gehst“, weinte Lily, als ich sie auf eine der Tragen absetzte und den anderen Verletzten helfen wollte. Ich streichelte ihr das blonde Haar aus dem Gesicht und hielt ihre Hand als der Sanitäter sagte, dass es etwas pieksen würde. Sie verzog ihren Mund, gab aber keinen Laut von sich.

„Du bist ein sehr tapferes Mädchen, Lily.“ Plötzlich klopfte es an der Wagentüre und ich blickte über meine Schulter nach hinten. Whitlock stand dort mit grimmigem Gesicht. Irgendetwas freute ihn ganz und gar nicht.

„Süße, ich muss kurz mit dem Mann dort sprechen, ich bin gleich wieder da.“ Lily nickte mir zu und ließ wehmütig meine Hand los. Schnell huschte ich zu dem SAC.

„Wir haben ein großes Problem und müssen das Mädchen sofort hier wegschaffen.“ Gereizt fuhr er sich über seinen kurzen Bart.

„Sir, ich verstehe Sie nicht.“

„Das Mädchen. Sie ist nicht irgendjemand. Die Frau, die vom Auto erfasst wurde, ist Jessica Newton und wird gerade ins Krankenhaus gebracht.“ Der Name sagte mir nicht viel. Newton hatte ich jedoch irgendwo einmal gehört.  „Ihr Mann ist Michael Newton, im organisierten Verbrechen tätig und Nummer sechs auf unserer Liste.“ Natürlich! Er wurde wegen Menschenhandels, Kinderpornographie und anderen Delikten gesucht.

„Hier wird gleich die Hölle los sein“, meinte ich und blickte ins Innere des Krankenwagens. Ich musste mir ein Lächeln für Lily abringen. Das arme Mädchen war in so eine Familie hineingeboren worden.

„Unser Wagen sollte gleich hier sein, dann fahren wir direkt in eine Black Site, wo Sie beide weitere ärztliche Betreuung erhalten. Ihr Kopf sieht wirklich nicht gut aus.“

„Mir geht es gut, Sir. Und die Menschen hier?“

„Um die werden wir uns kümmern. Die Spurensicherung, ein SWAT-Team und einige Agents meines Offices sind auf dem Weg hier her.“

Neben uns hielt ein schwarzer SUV und drei bewaffnete Männer stiegen aus, einer blieb hinter dem Steuer sitzen.

„Holen Sie das Kind und nichts wie weg von hier.“ Ich nickte ihm zu.

„Leute, aber gebt bitte die Waffen weg, sonst erschreckt ihr sie noch! Sie hat heute schon genug durchgemacht.“  Damit ging ich hinein in den Krankenwagen.

„Da bin ich wieder. Ist alles gut bei dir?“ Ich streichelte ihr über die leicht aufgeschürfte Wange und betrachtete jeden Handgriff der Sanitäter. Vor allem da ich jetzt wusste, wer Lily war.

„Bella, wer sind diese Männer?“

„Freunde, die uns beschützen und uns jetzt an einen Ort bringen werden, wo wir in Sicherheit sind.“

„Miss, Sie können das Kind nicht mitnehmen, Sie untersteht unserer Betreuung“, meinte einer der beiden Männern und kassierte von mir einen Blick, der ihm riet den Mund zu halten. Schnell entfernte ich den Schlauch der Infusion, ließ aber den Venenkatheter in der Haut, damit unsere Ärzte keinen mehr stechen mussten.

„FBI“, sagte ich nur und hob Lily hoch. Zusammen gingen wir zu dem Auto und fuhren schon los. Wir rasten durch die Straßen von D.C.

Vor und hinter uns jeweils ein weiterer FBI Wagen. Ich versuchte Lily anzuschnallen, was mir erst nach etlichen Versuchen gelang. Dadurch, dass ich direkt neben Lily saß, lehnte sie ihren Kopf an meinen Körper und ich legte meine Arme um sie.

„Mummy ist tot“, flüsterte sie und ich wusste nicht, was ich darauf sagen sollte, da es so plötzlich kam.

„Sie ist nicht tot. Eben wird sie ins Krankenhaus gebracht und dort verarztet.“ Mit ihren verweinten Augen blickte sie mich an. Vorsichtig wischte ich ihre Tränen aus dem Gesicht. Das Salz musste bestimmt auf ihren Wangen brennen.

„Wirklich?“

„Ja, wirklich. Ich kann dann meine Freunde anrufen und sie fragen, wie es ihr geht. Wie hört sich das an?“

„Toll!“

„Aber dafür weinst du jetzt nicht mehr, okay?“ Der Ansatz eines Lächelns war in ihrem Gesicht zu erkennen, als sie mir zunickte. Lily nahm meine Hand in ihre und begutachtete mein Armband.

„Was ist das?“, fragte sie neugierig und betrachte es voller Bewunderung. Ich löste den Verschluss und legte es ihr in die Hände.

„Mein Glücksbringer. Meine Mutter hatte es mir geschenkt, als ich meinen ersten Tag in der Schule hatte. Und jetzt ist es dein Glücksbringen und eine ganz spezielle Tapferkeitsmedaille für dich.“

„Danke!“, sagte sie und drückte sich an mich. Während der restlichen Fahrt beschäftigte sie sich leise mit dem Schmuck. Dass es einfach nur ein Armband war, das nichts mit meiner Mutter oder einem Glücksbringer zu tun hatte, musste sie nicht wissen.

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