Kapitel 4

, by Vivi






Die Black Site





„Vertrauen ist eine Oase des Herzens, die die Karawane des Denkens nie erreicht.“ - Khalil Gibran






Schmerzhaft verzog ich mein Gesicht, da die Betäubung langsam nachließ. Ich blickte die Wand mir gegenüber an, um mich abzulenken. Der Raum war nur von der Lampe, die auf meinen Kopf leuchtete, erhellt. Wieder spürte ich, wie der Doc meine Haut zusammendrückte. Verdammt, das tat weh. Sogar noch mehr, als er vor ein paar Minuten meinen Arm angesehen hatte.

„Dauert es noch lange?“, fragte ich meinen behandelnden Arzt, der gerade an meinem Hinterkopf herumwerkte.

„Wenn Sie sich weiter so bewegen, dann ja, Special Agent.“

„Bekomme ich wenigsten eine weitere Betäubung? Sie waren nicht gerade sanft zu meinem Arm.“

„Da war das Kind sogar tapferer als Sie, Swan“, meinte Whitlock, der gerade in den Raum trat und sich an die Wand lehnte, die ich anvisierte, „außerdem sind das nur Kratzer, was Sie da haben.“ Ich zog eine Augenbraue in die Höhe.

„Ich sagte, Sie sollen weder reden noch Ihre Gesichtsmuskulatur betätigen.“

Ertappt ließ ich alles locker und blickte nur den SAC an. Langsam rollte er den linken Hemdärmel hoch und trat näher an mich heran. Sein kompletter Unterarm war mit Narben überzogen. Normalerweise war es nicht üblich, dass ein SAC sich so um einen normalen Agent kümmerte und eine Art Beziehung versuchte aufzubauen, denn das alles schadete uns nur. Wenn man eine Freundschaft zu seinem Partner aufbaute, dann begab man sich schneller in gefährliche Situationen, neigte dazu falsche Entscheidungen zu treffen und wurde waghalsiger. Alles Dinge, die ein FBI-Agent nicht tun sollte. Deshalb war ich auch in meiner Abteilung als Eiskönigin bekannt. Jedoch interessierte es mich, was bei Whitlock passiert war.

„Eine Granate im Krieg, die vor der Hausmauer, hinter der ich mich verschanzt hatte, explodierte und das Glas des Fensters in Einzelteile zerlegte. Dabei bohrte sich das Material in meinen linken Arm und hinterließ diese Zeichen. Ich trage sie in Würde, weil ich weiß, dass ich meinem Land damit gedient habe und lieber nahm ich diese Schmerzen in Kauf, als unschuldige Zivilisten.“ Whitlock sah mir direkt in die Augen und ich musste mich zusammennehmen, um nicht mein Gesicht zu verziehen. Jedenfalls bis der Doc die erlösenden Worte sprach.

„Agent, Sie haben es überstanden. Versuchen Sie Ihren Arm so wenig wie möglich zu belasten die nächsten paar Tage und Sie bleiben über Nacht zur Überwachung hier, damit wir eine etwaige Gehirnerschütterung sofort erkennen können. Whitlock, passen Sie darauf auf. Falls etwas ist, rufen Sie mich an.“

„Sicher, Doc.“ Der Arzt ließ mich mit dem Abteilungsleiter alleine.

„Sir, ich sehe doch, dass Ihnen etwas auf der Zunge liegt, fragen Sie mich schon“, meinte ich und sprang regelrecht voller Tatendrang von dem metallenen Tisch, auf dem ich die ganze Zeit gesessen hatte. Mein Po war nun durchgefroren und bei meinem Glück holte ich mir auch noch eine Blasenentzündung.

„Ich rätsele die ganze Zeit darüber, weshalb sich Cullen nach all den Jahren mehr oder minder stellte.“ Mit zusammengezogenen Augenbrauen und fragendem Blick sah ich den SAC an. Nebeneinander gingen wir aus dem Raum hinaus und einen gedämpft beleuchteten Korridor entlang.

„Sir, wie meinen Sie das? Beziehungsweise haben Sie mehr Informationen für mich?“

„Mein Team beschattet Cullen seit Jahren. Wir versuchten ihn schon des Öfteren zu verhaften, sogar zu töten, doch er veranstaltete ein Katz und Maus Spiel mit uns. Es schien, als wäre er uns immer drei Schritte voraus. Deshalb verstehe ich ihn nicht, weshalb wir ihn nach so langer Zeit, nach so viel taktischen Geplänkel endlich dran bekommen haben. Cullen hat ein kleines Hobby: Pokern. Diese Spiele finden hinter geschlossenen Türen statt und wir hatten einen anonymen Hinweis erhalten, dass Cullen und ein paar andere Verbrecher sich treffen würden. Natürlich dachten wir zuerst, dass es sich dabei um eine Ente handelte, doch wir gingen der Sache nach. Schließlich hatten wir über fünf Monate keine Spur von Cullen gehabt. Nichts Handfestes. Deshalb hatte ich mich dazu entschlossen meine Männer dorthin zu schicken. Und siehe da, er war dort, hat sich ohne wegzulaufen oder zu wehren auf den Boden gekniet, die Hände hinter den Kopf gegeben und sich abführen lassen. Das alles ohne ein Wort seinerseits. Sie haben ihn gesehen und wir beide wissen, dass er dazu in der Lage wäre einigen unserer Agents davonzulaufen.“ Es stimmte, Cullen schien ein sehr durchtrainierter Mann zu sein. Er hatte einen athletischen Körperbau und die Fitness dazu.

„Aber trotzdem sitzt er jetzt hier“, fuhr Whitlock fort.

„Sir, wie meinen Sie hier?“

„Diese Black Site ist sein Gefängnis, Agent Swan. Er wurde hier her transportiert.“ Ungläubig blickte ich mich um. „Keine Sorge, er ist gesichert. Vierzehn Schützen stehen um seine Zelle, die im drei Stunden Takt ihre Schicht wechseln. Er wird ebenfalls per Videokamera überwacht.“

„Sir, ich mache mir hier keine Sorgen um mein Wohlergehen, jedoch ist es für Lily gefährlich hier zu sein. Newton wird nach ihr suchen lassen, schließlich ist sie seine Tochter.“

„Genau deswegen wollte ich Sie abholen. Wir haben Neuigkeiten bezüglich des Mädchens, die Sie überraschen werden.“

„Zu Ihrer anfänglichen Frage, Sir. Ich glaube inzwischen, dass er selbst den Anruf getätigt hat oder jemanden dafür engagierte. Cullen scheint mir ein Einzelkämpfer zu sein, der, wie ich seiner Akte entnehmen konnte, Einzelkind ist. Wir Einzelkinder neigen zu narzisstischen Verhalten, glauben die Welt drehe sich nur um uns und sind es gewohnt mit niemanden etwas teilen zu müssen, das betrifft sowohl im Kindesalter Spielsachen, als auch als Erwachsener Geld, Macht und Erfolg. Wenn ich ihn richtig einschätzen zu vermag, dann versucht er alles ohne sich auf jemand anderen verlassen zu müssen. Denn das macht ihn dann auch noch angreifbar und wenn es nicht mehr geht, zieht er Leute hinzu, denen er gewissermaßen vertrauen kann. Und Vertrauen in diesen Reihen gibt es sehr selten und muss sehr lange aufgebaut werden. Irgendetwas muss passiert sein, dass er diesen Entschluss gefasst hatte. Vielleicht hat er sich mit den falschen Leuten angelegt und erhofft sich von uns den bestmöglichen Schutz. Wer weiß das, außer er selbst. Was mich persönlich aber sehr stutzig macht, ist, dass er nur mit mir reden möchte. Ich bin neu hier in D.C., aber keine Anfängerin. Er wusste viele private Dinge über mich, meine Familie und meine Arbeit. Cullen war sich sogar mehr als sicher, dass ich beim Tatort des Banküberfalles war und verriet uns, den Ort der Detonation des Wagens. Was ich aber noch nicht richtig verstehe, wie das alles zusammenpassen soll. Und weshalb er das alles tut. Ich meine jetzt nicht, dass er sich dem FBI gestellt hat, sondern, dass er uns hilft, wenn er doch weiß, dass ich ihn am liebsten direkt in die Hölle schicken möchte.“

Wir bogen um eine Ecke und kamen zu einem großen Raum, in dem etliche Tische sowie hochmoderne Technik,  standen.

„Wenn ich das wüsste, Agent Swan, dann wären wir ein riesiges Stück weiter.“ Lily saß kläglich in einer Ecke und hatte eine Decke um ihren Körper gewickelt.

„Sir, wenn Sie mich entschuldigen würden.“ Mit meinem Kopf deutete ich zu dem Kind hin und er nickte mir zu.

„In einer Stunde sehe ich nach Ihnen.“ Ich lächelte ihm kurz zu, bevor ich zu dem Mädchen ging.

„Bella!“, sagte sie erfreut und stand auf. Lily lief auf mich zu und umklammerte sofort meinen Körper.

„Hey, was ist denn los?“, fragte ich sie besorgt und strich ihr fürsorglich durch das blonde Haar.

„Ich habe dich vermisst. Die bösen Männer dort im Anzug wollten mich nicht zu dir bringen.“ Mit ihrer kleinen Hand deutete sie auf zwei großgewachsene und bullige Männer.

„Wir beide finden sicher ein ruhiges Plätzchen und können uns gegenseitig Geschichten erzählen.“ Lily nickte mir zu und ich sah mich suchend nach Whitlock um.

„Agent O’Brien, wo finde ich den SAC?“

„Was brauchen Sie jetzt schon wieder, Swan?“, erkundigte er sich genervt. Ihm war ins Gesicht geschrieben, dass ihm der heutige Tag ziemlich gegen den Strich ging. Entweder hatte er heute ebenfalls keinen Einsatz gehabt und somit seinen freien Tag, oder gar Urlaub, oder er war davon genervt, dass ich als Neuling so viel sagen durfte…

„Lily sollte in einen anderen Raum. Das hier ist nichts für Kinder.“

„Agent Swan, bei aller kollegialen Freundschaft, das ist der beste Ort, wo dieses Kind derzeit sein kann.“ Böse blickte ich ihn an. Es war einer der letzten Orte wohin man ein Kind brachte. Schließlich war hier alles trist und eintönig, man war von lauter Menschen umgeben, die einem schiefe Blicke zuwarfen und man hatte nichts zu spielen.

„Was ist denn hier los?“, mischte sich nun Whitlock ein.

„Sir, ich habe Sie gesucht. Lily sollte in einen anderen kindergerechten Raum.“ Ich betonte meinen Wunsch ausdrücklich, vielleicht hielt der SAC zu mir.

„Und das ist einer der Gründe, weshalb ich eben wieder zurückgekommen bin.“

Er ging vor Lily in die Hocke und sie drückte sich an mich. Schüchtern blickte sie meinen Kollegen an. Ich wusste, dass die Kleine in einer Ausnahmesituation war, aber dass sie ausgerechnet mich als ihre Vertrauensperson ausgewählt hatte, gab mir zu bedenken.

„Eben ist eine Frau gekommen, die dich gerne kennenlernen möchte. Sie hat auch Sachen zum Malen und Basteln mitgebracht. Was sagst du dazu, wenn wir alle zu ihr gehen und du sie kennenlernst.“

„Nur wenn Bella auch mitgeht.“

„Natürlich. Also komm.“ Forschend blickte ich Whitlock an, der sich ein halbherziges Lächeln abrang.

Mit Lily gingen wir ein paar Türen weiter, dort war ein freundlicheres Zimmer als der Hauptraum. Es standen ein großes Bett und eine einladende Couch sowie ein Tisch mit Stühlen in dem Raum. Eine Frau – ich schätzte sie auf Mitte fünfzig – stand von dem Sofa auf und kam auf uns zu. Sie begrüßte uns mit einem kurzen Nicken und redete dann mit Lily. Ich spürte, wie sich die Kleine von mir löste und mit der Kollegin mitging.  Kurz sah ich den beiden zu, wie sie gemeinsam malten und schlich schließlich mit Whitlock aus dem Raum. Sobald die Tür geschlossen war, atmete ich erleichtert auf. Lily war süß und nett, jedoch wollte ich nicht noch die Verantwortung für ein Kind haben. Ich war nicht der Typ der fürsorglichen Mutter – ehrlich gesagt möchte ich nie Mutter werden.

„Sir, Sie sagten, Sie haben Neuigkeiten bezüglich der Kleinen. Darf ich fragen, welche das wären?“

„Folgen Sie mir.“ Er ging zur gegenüberliegenden Tür und ließ mir den Vortritt.

„Im Hauptraum haben wir die Überwachungssysteme für Cullen und hier haben wir alles, was mit der Entführung, dem Vorfall vor dem Museum und Lily Newton zu tun hat. Sehen Sie es sich an und sagen Sie mir, was Sie dazu meinen.“

Verwirrt trat ich an die Pinnwände heran und betrachtete die entwickelten Fotos und die Verbindungslinien. Was mich jedoch mehr interessierte, war die Tatsache, dass weder Newton noch seine Leute bis jetzt keine Anstalten gemacht hatten, seine Tochter zu befreien. Sowohl legale als auch illegale Schritte… Das war merkwürdig. Ich strich mit meinen Fingerspitzen über ein Familienfoto der Newtons. Ich konnte aber keine Verbindung zwischen dem Attentat und Lily ziehen. Denn welcher Mann – selbst ein Schwerverbrecher – würde seine Familie in Gefahr bringen. Vor allem hätte Newton wissen müssen, dass seine Ehefrau und sein Kind in der Nähe des Museums waren.

„Ich bezweifle, dass die beiden Fälle etwas gemeinsam haben.“

„Da bin ich Ihrer Meinung, Agent Swan. Jedenfalls haben wir jetzt noch einen Mitspieler im Boot, der unseren Entführer versucht zu finden, denn Jessica Newton ist vor wenigen Minuten gestorben.“ Mit ausdrucksloser Miene verschränkte ich die Arme vor der Brust. Jetzt würde ein Spiel gegen die Zeit beginnen, auf die ich überhaupt keine Lust hatte, denn das bedeutete wenig bis gar keinen Schlaf, missgelaunte Kollegen und ein schlechtes Arbeitsklima. In Seattle hatte es nie lange gedauert bis ein kleiner Krieg ausgebrochen war, wie lang es wohl hier dauern würde? Ich betrachtete das Familienbild nochmals. Jessica lachte strahlend und Newtons stand stolz daneben, Lily hatten sie in ihrer Mitte. Das Bild wurde erst vor ein paar Wochen gemacht, das erkannte ich am Aufdruck des Datums. Eine glückliche Familie, trotz der ganzen Verstöße.

„Ist Lily die leibliche Tochter der beiden?“, fragte ich und Whitlock sah mich fragend an.

„Laut Akten, ja. Auf den Geburtsurkunden ist es so vermerkt, weshalb fragen Sie?“ Whitlock trat neben mich. Mit meinem Zeigefinger deutete ich auf die beiden Gesichter der Erwachsenen.

„Ich muss mit Cullen reden. Auf der Stelle, SAC.“ Immer noch verwirrt zog er sein Handy aus der Tasche und sprach kurze und prägnante Befehle in jenes.

„In zehn Minuten gehört er Ihnen.“

„Danke.“

„Erklären Sie mir auch, weshalb Sie Cullen so dringend sprechen wollen.“

„Werden Sie in zehn Minuten erfahren.“ Kopfschüttelnd trat er aus dem Raum und ich sah mir nochmals alle Bilder an. Ich war mir sicher, dass Leahs Entführung nichts mit den Newtons zu tun hatte, aber durch meine neue Entdeckung war ich mir da nicht mehr so sicher. Mein Bauchgefühl jedenfalls tendierte zu einer Verbindung zwischen den beiden Fällen. Jetzt brauchte ich nur noch Information von Cullen, der meine Vermutung bestätigte, falls er dies überhaupt wusste.

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